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Zwischen Zwei Welten: Auf der Flucht vor Gesellschaft

Auf der Flucht

Ich laufe über das Cricket-Spielfeld, auf dem sonst die Kinder spielen. Zum Glück ist kaum jemand hier, außer die paar Männer, die auch heute Abend noch hier sitzen werden und sich die Hände am Feuer wärmen. Und die Kehle am Whiskey. Ich grüße sie flüchtig. Bloß keine langen Blicke, sonst kommen wir noch ins Gespräch. Das möchte ich vermeiden, schließlich laufe ich gerade weg. Wie ein kleiner Junge, der vor seinen Eltern wegrennt, einfach aus dem Dorf hinaus und mal gucken was draus wird. Nur renne ich nicht vor meinen Eltern davon, sondern vor Gesellschaft.

Ich lasse die Menschen hinter mir, gehe neue Wege, dort wo man mich nicht vermutet, wo man mich selten sieht, ein Ort den ich selber nicht kenne. Mein Lieblingshügel kommt nicht in Frage. Wenn ich dort hinaufgehe, sehen mich die Jungs vom Dorf und kommen eventuell nach, um mir Gesellschaft zu leisten. Also den Berg hinab, dort wo das Geräusch fließenden Wassers herkommt. Ich schlage mich über zugewachsene Pfade, den Berg hinab, Kletten und Dornen bleiben an meiner Jacke hängen. Ich muss Meter machen, so viel es geht, denn ich brauche Abstand. Und ich habe nicht viel Zeit. Ich springe über den vermüllten Abwasserfluss und klettere an einem umgekippten Baumstamm mit halsbrecherischer Leichtsinnigkeit den gegenüberliegenden Hügel hinauf. Hier in diesem Stück Wald sieht mich niemand, vermutet mich niemand. Ich drohe abzurutschen, klammere mich irgendwie noch an einer Abwasserleitung fest und ziehe mich hinauf. Ein Weg. Wunderbar. Wohin weiß ich nicht. Doch es ist ruhig hier. Nach zehn Minuten komme ich an eine kleine Lichtung, die Vögel zwitschern lieblich. Hier kann ich mich niederlassen. In der Ferne höre ich noch den Müll- und Wasserfall platschen, ansonsten alles ruhig. Der Wald blockiert den Lärm des Dörfchens und bietet mir Schutz. Ein paar exotische Vögel zwitschern um mich herum, wohl verwundert über diesen seltenen Besucher. Ich beobachte ihre Flugkunststücke, höre ihre Lieder und fühle mich für einen Moment lang wie ein freier Mensch.

Einfach Mal Durchatmen

Ich komme zur Ruhe, genieße die Stille um mich herum. Ich genieße es, das zu tun, was ich möchte. Ohne Einmischung von außen. Endlich habe ich Zeit um nicht nur Dinge zu erleben, sondern sie auch zu verarbeiten. Und da ist so einiges, was sich in letzter Zeit angehäuft hat. Tatsächlich ist es mein letzter Tag in diesem Dorf, was ich so liebgewonnen habe und was mir doch so zu schaffen macht. Vor einer Woche haben wir ein Projekt fertig gestellt. Ein Zentrum zur Selbsthilfe der Community. Es wurde mit allem drum und dran zelebriert, wir hatten Gäste aus ganz Indien. Und das obwohl wir zwei Besucher schon zuvor der Familie einiges abverlangten. Zu den Feierlichkeiten waren wir zu zehnt zu Gast in dem Haus.

Auch wenn das Projekt abgeschlossen ist, bedeutete dies für mich nicht weniger Arbeit. Im Gegenteil, mir fehlten die Ausreden. Jeder wusste, dass ich bald gehen werde, dass ich nicht mehr mit dem Aufbau beschäftigt bin und so werde ich öfter eingeladen, als mir lieb ist. Ich werde herumgeschoben. Da sind zum Beispiel meine beiden Freunde. Ich wollte eigentlich ein Interview mit ihnen machen, doch schon kurz darauf finde ich mich auf dem Rücksitz eines Scootys. Wohin weiß ich nicht. Es stellt sich schließlich heraus, dass wir zu einem schönen Wasserfall mit anschließendem beeindruckenden Tempelbesuch fahren. Ich bin glücklich und zugleich entmachtet. Zu Hause angekommen fühle ich mich, als wäre ich nicht mit dem Scooty gefahren, sondern nebenher gelaufen. Ich möchte einfach mal durchatmen. Doch das geht nicht. Wir haben schon wieder Gäste. Und ein 14-jähriger Junge schläft zusätzlich mit meinem kleinen Gastbruder im selben Zimmer. Sie wollen am nächsten morgen gerne mit mir Wandern gehen. Ich sage zu, schließlich mag ich wandern, da hat man seine Ruhe. Aber auch mit zwei Jungs? Wohl eher nicht. Aber ich werde schon meine zehn einsamen Minütchen mit meiner Kamera auf dem Berg bekommen. Das ist es wert. 5 Stunden lang Jungsgerede auf der Wanderung in Austausch für ein paar Minuten Ruhe auf dem Berg. So weit ist es gekommen.

Zwischen zwei Welten

Ich sitze wieder auf der Lichtung im Wald und grübele. Ich werde die Familie wirklich vermissen. Sie mich auch, das weiß ich. Wir sind sehr zusammengewachsen in der letzten Zeit. Ich habe so viele Dinge bei Ihnen gelernt. Ich bin der große Bruder geworden, Nils Bhaya. Und wahrscheinlich ist es genau das, was mich so verwirrt, was mir die Kraft raubt. Ich stehe nicht zwischen den Welten, sondern werde mehr und mehr in eine Richtung gezogen. Ich habe eine Rolle, es gibt Erwartungen an mich, ich bin nicht nur ich, sondern ein Teil des Wir geworden. Das bin ich leider nicht gewohnt. Ich hüpfe in der Regel von einer Unternehmung zur nächsten, Abschiede sind für mich natürlich, Bindungen und Verbindlichkeiten eher locker gehalten. Es ist schön, soviel Wertschätzung der Familie zu bekommen und integriert zu werden. Aber es ist halt auch anstrengend. Besonders, weil in Indien andere Gesetze gelten. Das Gesetz des Älteren allen voran. Der Älteste Bruder oder die älteste Schwester bestimmt über die jüngeren Geschwister, der Vater hat auch dann noch das Sagen, wenn die Kinder erwachsen sind. Kinder bedienen die Gäste der Familie, müssen höflich sein und parat stehen, sobald die Eltern etwas brauchen. Ich muss zwar nicht im Haushalt helfen, weil ich auch irgendwo noch Gast bin (Ich versuche es jedoch auch immer wieder, wenn auch recht erfolglos). Aber so ein wenig merkt man die Hierarchie schon. Vor allem wenn es ums Gäste treffen geht. Dann muss ich parat stehen.

So sitze ich da, auf meinem kleinen privaten Hügel im Grünen und lasse die vergangenen Wochen Revue passieren. Ich weiß, dass ich wieder zurück muss. In einer halben Stunde startet die Weihnachts- und meine Abschiedsfeier. Und ich kenne den Rückweg nicht. Den Berg wieder hinunterzuklettern, wo ich hinaufgekommen bin kommt nicht in Frage. Ich atme also ein letztes Mal tief durch und stehe von meinem kleinen grünen Zufluchtsort auf. In dem Moment klingelt auch schon mein Telefon. Der Vater. Wo ich bin? Das weiß ich selbst nicht so genau, aber ich versuche es in meinem freundlichsten Hindi zu erklären. Ich werde unterbrochen. „Aao! Jaldi Jaldi Aao. Party hai!“ Komm schnell, es gibt eine Party. „Mujhe patta hai, lakin chhe baje par…“ Ich weiß, aber doch erst um sechs… „Abhi, aao. Jaldi“ Ich laufe also zurück. Wieder genervt über den Befehlston. Darüber, dass man mir nicht zutraut mich selbst zu organisieren. Ich frage ein paar Bauern nach dem Weg und stelle fest, dass ich doch einen ganz schönen Umweg laufen muss. Jetzt bin ich genervt darüber, dass ich vielleicht sogar zu spät komme und beweise, dass ich verantwortungslos bin und Anweisungen brauche. Ich beschleunige also meinen Lauf.

Nach zwanzig Minuten komme ich an, durchgeschwitzt und mit Resten meines Buschabenteuers in der Jacke. Ich bin zunächst geblendet. Das Center ist wunderschön geschmückt, voll bis auf den letzten Platz. Vielleicht 70, 100 Menschen. Ich trete ein und bekomme einen Applaus mit Einlaufmusik, Empfang und strahlenden Gesichtern. Meine Augen werden feucht vor Freude. Was für eine Überraschung. Es gibt also doch Momente für mich. Nur nicht allein und ich kann sie mir halt nicht aussuchen. Aber genug genörgelt. Jetzt wird erst einmal gefeiert. Ich renne nach Hause, schmeiße mich in Schale und schaffe es noch pünktlich um sechs zurück zu sein. Die Feier ist wunderschön. Die Kinder der Siedlung haben beeindruckende Tänze einstudiert, es gibt Kuchen und Reden über die gute Arbeit der letzten Wochen. Alles ist bestens organisiert und ich bin stolz. Stolz ein Teil der Community zu sein, die mich nicht mehr braucht und trotzdem haben will.

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