Ein Nachtgespräch in der Wüste: Wann bin ich arm?

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Ich mache gerade wieder einmal etwas Verrücktes und unfassbar Schönes zugleich. Ich liege in kompletter Stille unter dem leuchtenden Firmament auf einem Bett und starre den Vollmond an. Ich erkenne jedes Detail, jeden Krater, jede Schattierung. Trotz seiner passiven Leuchtkraft sehe ich eine Menge Sterne. So viele, wie ich sie sonst nur in den Bergen sehen kann. Ich fühle mich unendlich reich. Jeder Mensch, der einmal in der Wüste unter freiem Himmel geschlafen hat, wird das verstehen. Und genau dort bin ich gerade. In der indischen Thar Wüste, irgendwo auf einem Dörfchen. Die letzte größere Stadt, Jaisalmer, habe ich heute mittag au dem Dach eines Busses verlassen.

Auf dem Dach eines Busses in Richtung Wüste. Richtung: unbekannt

Die Richtung weiß ich auch nicht genau. Als ich im Dörfchen angekommen bin, habe ich mit dem letzten bisschen Akku auf meinem Smartphone meinen Standort an meine Mutter gesendet. Dann wars das mit dem Strom. Es gibt hier nur ein kleines Solar-Panel, das mir in einer Stunde ca. 5% Akku gibt. Also knapp sieben Minuten. Ich muss sehr sparsam sein. Aber trotzdem fühle ich mich großartig während ich hier neben meinem Freund und seiner Mutter auf dem Bett im Freien liege.

Doch dann ändert sich die Situation. Die Frage, die kommen musste, kommt und lenkt meine Aufmerksamkeit weg von den unendlichen Welten über mir, hin zu der bitteren Realität. „Was arbeitest du dort drüben?“ Ich überlege kurz. Sonst weiche ich gerne auf Aussagen wie „Ich bin Student“ aus. Aber ich mag die Familie, gebe gerne etwas Preis, damit wir Vertrauen aufbauen, näher zusammen rücken können. Aber wie rückt man bitte näher, wenn man die Differenzen so deutlich zeigt?

Ich versuche es trotzdem. Ich erkläre, dass ich im Jahr zwei, drei Monate arbeite, um am Minimum zu leben und mein Vater mir zusätzlich ein bisschen gibt. Doch was ist ein bisschen, was ist das Minimum? In Deutschland geht gerade wieder die Debatte los, wieviel Geld denn eigentlich zu wenig ist. Als Student lebe ich tatsächlich seit nicht unerheblicher Zeit deutlich unter der Armutsgrenze (die lag 2015 bei 1033€, da kann ich nur drüber lachen). Wenn ich denn mal arbeite, verdiene ich jedoch trotzdem innerhalb von zwei Stunden den Monatslohn meines Freundes, der täglich Touristen auf Kamelsafaris führt. 3000-4000 Rupien im Monat. Wer Lust hat, kann ja mal rechnen, wie weit er oder sie damit kommt. Wie kann ich also mein Gehalt erklären oder gar rechtfertigen?

Mein Freund führt für einen Lohn von ca. 35€ im Monat täglich Touristen durch die Wüste.

Zuerst einmal gebe ich eine Referenz. Ein Zimmer in Münster kostet mittlerweile ca. 350€ im Monat, also ca. 30 000 Rupien. Meine Gesprächspartner sind erstaunt. Das ist zwanzigmal mehr als hier. Trotzdem verdiene ich aber einhundertmal mehr. Dann erkläre ich, dass auch Essen teurer ist und das normalerweise vom Gehalt ganz schön viel weggeht. „Was macht die Regierung denn mit dem Geld?“, hakt die Mutter nach. Ich packe aus, fast kommt mir der stolz hoch. „Das meiste Geld geht für unsere Krankenversorgung weg. Wenn wir zum Arzt gehen egal wie krank wir sind, müssen wir nichts zahlen.“ Zwei Köpfe drehen sich abrupt zu meinem Bett um. „Was? Ärzte sind hier so teuer.“ Da ist der Neid, den ich nicht wollte. Aber das sind die Geister, die man ruft, wenn man die Wahrheit erzählen will. Dann kann ich auch das volle Programm geben. Freie Schul- und Universitätsbildung und die Kirsche auf dem Kuchen: Geld, wenn man nicht arbeitet. Ich sage nicht wieviel, denn das würde trotz meiner Darstellung der Ausgaben wohl jede Vorstellungskraft sprengen. Ich verlange bereits sehr viel von Menschen, deren Horizont bisher nur soweit reicht wie der Sand der Wüste Rajasthans. Und ein paar dumme Videos auf den Smartphones als Ergänzung.

Ich rede und rede, um irgendwie zu erklären, was Armut bei uns bedeutet. Doch nicht nur in Hindi fehlen mir hierfür die Worte. Es ist wie es ist: Wir stehen an den entgegengesetzten Enden der Globalisierungsgewinner und -verlierer. Und zu allem übel ist die Wüste nun einmal auch wirklich nicht der wirtschaftsfreundlichste Ort der Welt. Ich bin privilegiert. Was soll ich tun? Ein Leben in Armut leben? Mache ich gerade. Zwar habe ich die Wahl, es jederzeit zu verlass und ich habe auch keine Verpflichtungen und Bindungen, sondern eine Zukunftsperspektive. Aber ich komme und habe teil. Mehr kann ich nicht machen, denn so gerne manche Leute das auch hätten: Ich kann den weißen Mann nicht einfach ablegen (ich bezweifle übrigens auch, dass ein weißer Mann per se privilegiert ist). Ich kann nur versuchen zu verstehen, was das ist: Armut.

Und ich komme dem näher. Ich treffe viele glückliche Menschen mit einem Mini-Einkommen, aber ich treffe auch auf viel Verzweiflung. Mein Freund ist glücklich in seinem Dorf. Er liebt seine Tiere und ist zufrieden mit seiner Arbeit. In dem Dorf in den Bergen, wo ich viel Zeit verbringe hat mir ein anderer Freund erzählt: „Ich liebe diese Community. Aber ich hasse die Atmosphäre, das Benehmen der Leute, die einfach nur dasitzen und nichts tun.“

Da ist sie wieder, die Perspektivlosigkeit. Und mein Verständnis von gefühlter Armut. Arm sind diejenigen, die unzufrieden sind und nichts daran ändern können oder dazu nicht bereit sind. Armut ist ein Gefängnis ist Armut ist ein Gefängnis… oder so. Ich lebe von weniger als Hartz IV, aber ich weiß mir zu helfen. Da wo ich kein ökonomisches Kapital habe, habe ich kulturelles und soziales Kapital. Meine Armut ist kein Gefängnis und daher auch keine Armut. Ich weiß mir zu helfen.

In dem Wüstendorf lebt man sehr nah mit den Tieren zusammen. Die Wasserstelle für Kamele, Kühe, Pferde und sonstige Tiere ist gleichzeitig das Waschbecken nach dem Gang in die offene Toilette hinterm Busch. Alles wird hier geteilt.

Was kann ich also für andere tun? Ich kann nur meine Freundschaft und Unterstützung geben, meine Arme über die gesamte Weite zwischen privilegiert und unprivilegiert ausstrecken und winzige Brücken bauen. Das ist Hippie-Gelaber, aber ich gebe ja auch Unterricht, unterstütze eine NGO die mit den Belangen der untersten Kaste arbeitet. Und ich treffe Menschen, denen ich erzähle, wie toll ich all die kleinen Dinge finde, die Sie machen. Wie lecker der Tee aus frischer Ziegenmilch schmeckt, wie beeindrucken schön das selbstgebaute Haus ist und wie toll ich es finde, dass die Familie mit allen Tieren in Freundschaft lebt und selbst die Nicht-Nutztiere wie streunende Hunde und Vögel füttert. Respekt ist für mich das beste Mittel, um Menschen das Gefühl von Armut zu nehmen. Nicht das blöde, romantische Gelaber, dass die Leute ja alles haben und das Geld Gift ist. Sie können schon selbst einschätzen, wann sie glücklich sind. Ich meine einfach nur Wertschätzung für andere Menschen. Und so ende ich den Abend damit, dass ich mich bedanke. Für den tollen Tag und die Möglichkeit an diesem wunderbaren Ort unter dem offenen Firmament zu schlafen. Mit so guten Menschen.

Dann wird es still. So still, wie es nur in der Wüste werden kann. Eine Stille, die anfangs in den Ohren drückt. Ich realisiere, wieviel ich geredet habe, jetzt da in meinen Ohren auf einmal Leere herrscht. Ich starre noch ein wenig in den Himmel, bevor ich schließlich einschlafe. Für mich in meiner Freiheit ein perfekter Ort. Nur die Ziege, die nachts unter mein Bett krabbelt und ihren Kopf in meinen Rücken rammt, stört diese Idylle ein wenig. Und mein Wissen darüber, dass mein Freund mich bald fragen wird, wie er denn an ein Visa für Deutschland kommen kann.

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