Das “unzivilisierte” Indien – Wenn mir der Kragen platzt

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Anstellen in der Schlange: Ein vorhersehbares Chaos

Ich stehe am Busbahnhof in einer Stadt in Haryana. Ich habe viel Gepäck dabei. Zwei Rucksäcke ein großer auf dem Rücken und ein kleiner vor mir auf dem Boden. Hätte ich keine Gastgeschenke, wäre es nur ein Rucksack und viel weniger Stress. Aber man passt sich ja der Kultur an, als guter Anthropologe oder Mensch. Dass Kassiererhäuschen für die Bustickets ist seit den 15 Minuten, die ich hier bin leer. Teepause wahrscheinlich. Die kleinen Annehmlichkeiten des so beliebten Government Jobs. Mach wenig, lass dir Zeit, verdiene Geld. Diese Art von Jobs sind generell das Ziel eines jeden Inders. Schade eigentlich, sie könnten ja auch gut arbeiten.

Doch plötzlich tut sich etwas. Zwei Menschen betreten das Häuschen. Das aufkommende Chaos habe ich natürlich vorausgesehen. Ich kenne die Inder. Trotzdem: Mit zwei Rucksäcken zu hantieren ist immer nervig. Zum einsteigen in die Busse behält man den kleinen auf und trägt den großen rein, um ihn zu verstauen. Im Zug genau umgekehrt, weil man sonst nicht durch den schmalen Gang kommt. Aber in einer drängenden Menschentraube? Ich bin also trotz aller Voraussicht nicht vorbereitet. Von überall drängen Menschen heran, um sich ihre Tickets an dem kleinen Metallhäuschen zu besorgen. Insgesamt vielleicht dreißig. Doch obwohl ich ca. in dritter Reihe stehe, wird es nicht hinter mir voller, sondern vor mir. Denn auch jeder Neuankömmling fordert relativ vehement sein Recht ein, als erster ein Ticket zu bekommen. Mein Rucksack stört mich.

Drängeln und gedrängelt werden

Die zwei Beamten in dem vergitterten Häuschen beginnen ihre Arbeit. Mittlerweile erinnert mich das Gedränge ein wenig an den Ticketerkauf der Fußball-Tickets für das Champions-League Finale Dortmund gegen Bayern. Damals sind mehrere Leute bewusstlos geworden. Und gebracht hat es nichts. Genauso unsinnig ist das Gedränge hier. Jeder bekommt sein Ticket. Es gibt genug Plätze. Deshalb stehe ich auch an und versuche nicht zu drücken. Ein kläglicher Versuch des Felses in der Brandung.

Ungefähr einen Meter vor mir, drängen sich die Leute vor der kleinen Öffnung des Kassenhäuschens. Die Öffnung ist rund und, so wie man es auch bei uns kennt, gemacht für den Austausch von Geld und Tickets, sodass eine Hand locker etwas hindurch reichen könnte. Hier aber quetschen sich fünf Hände gleichzeitig durch das Loch und halten dem Beamten ihr Geld direkt vor die Nase. Wenn sie ihr Ticket bekommen, haben sie teilweise kleine Quetschungen am Handgelenk. Ich frage mich zunächst, wie lange ich diesen Job ohne Gewaltanwendung und Ausraster ausüben könnte und dann, wie viele Hände man wohl mit einem Axthieb abtrennen kann. Von links wird indes so vehement gedrückt, dass es mich aus meinen Träumen reißt.

„Sir, your Backpack hurts.“ Eine junge Dame, mein Alter, vielleicht etwas jünger, guckt mir hässlich vorwurfsvoll entgegen. Links neben mir hat sich die „Ladies-line“ gebildet. Denn Frauen müssen nicht normal anstehen, sondern sollten hier extra behandelt werden. Ist ja schön und gut, so lang sie mir nicht auf den Sack gehen. Denn nicht ich drücke meinen Rucksack in ihr Gesicht, sondern sie drückt ihr Gesicht gegen das Gedränge der Männer rechts von mir. Ich ignoriere sie, damit ich nicht schimpfe. Schanti, Schanti. Dann drängt sich eine ältere Dame dazwischen. Ich werde weiter von hinten gedrückt und die einzige Chance, ihr den Vortritt zu lassen, wäre den Ticketschalter zu verlassen. Daraufhin bekomme ich auch ihren Hass zu spüren. Ich verstehe den schnellen Haryani-Dialekt nicht, aber ich verstehe sehr wohl, dass sie mich beschimpft. Deshalb frage ich sie, wie lange sie denn schon bitte hier steht: 2 Minuten oder eine 20, so wie ich? Sie schimpft weiter und ich sage nur „Han, bohat badtamis voh forener hain.“ Ja, immer diese unverschämten Ausländer.“ Als Antwort höre ich von der jüngeren Frau, die sich inzwischen abgewandt hatte, nur ein „Oh my God.“, welches mich aufgrund seiner abwertenden Arroganz auch Tage später noch wütend macht. Erstens, weil sie nicht den Mut hatte, es mir ins Gesicht zu sagen, zweitens einen zu herablassenden Unterton hatte und drittens, weil es schlichtweg fehlplatziert war.

Tatsächlich wurde ich aus der Fassung gebracht

Tut mir leid, jung Dame, du hast das Problem nicht erkannt. Ich kann damit leben, ist ja nicht mein Land, was zu rücksichtslos ist, um Schlangen zu bauen und was extra Damenreihen braucht, damit Leute nicht grapschen. Und es ist nicht mein Land, indem Menschen nicht in der Lage sind zu erkennen, dass ich nicht drücke, sondern gedrückt werde. Ich kann leider an einem Busbahnhof in Haryana nicht einfach meinen Rucksack irgendwo abstellen und mich dem Gedränge hingeben. Wahrscheinlich kann ich das nirgends auf der Welt.

Das passiert mir selten in letzter Zeit. Normalerweise lenke ich viele Probleme mit einem Lächeln oder ausgesprochener Kooperationsbereitschaft von mir fern. Ich entschuldige mich, wenn ich nicht schuldig bin und nehme hin, wenn mich etwas ankotzt. Ärger entsteht ja nur in meinem Kopf, nicht auf der Straße. Manchmal fühle ich mich, wie ein moderner Jesus oder Buddha, der völlig verstrahlt vergisst, dass er eigentlich eine starke eigene Meinung hat, die er auch gerne mit Nachdruck verteidigt. Aber mein Anthropologendasein hat mich schon so weich gemacht, dass ich nun ein schlechtes Gewissen habe. Schließlich wäre die Lösung einfach gewesen: „Okay liebe Dame: Sie passen auf meinen Rucksack auf und ich besorge ihnen innerhalb von einer Minute ihr Ticket.“ Schade, dass ich nicht daran gedacht habe. Aber das Verhalten der Menschen hat mir einfach den letzten Nerv geraubt. Jesus hat schließlich auch mal einen Tempel auseinandergenommen. Und Buddha stand sicher noch nie in Haryana am Busbahnhof. Da habe ich also wohl ein bisschen unsere westlichen Länder in den Dreck gezogen. Schließlich wird man hier genauso alle weißen über einen Kamm scheren, wie wir es mit den Leuten südöstlich des Mittelmeeres tun. Sorry, Freunde.

Unzivilisiertes Indien

Ja, ich benutze ganz provokant einen Ausdruck, der auch mir nicht leicht über die Lippen geht. Aber ich wurde so wütend gemacht, dass mal etwas raus muss. Unzivilisiert ist ein hartes Wort in einem Land, was einmal von „zivilisierten“ Männern kolonialisiert wurde. Zivilisiert heißt für mich jedoch nicht „entwickelt“ oder „modern“, zivilisiert bedeutet nur, dass Leute sich als funktionierende Gesellschaft benehmen und Rücksicht pflegen, damit sie zusammen als „Civis“ (das ist lateinisch und heißt „Bürger, Mitbürger“) leben können. Ich glaube, dass die „zivilisierten“ Westler Indien tatsächlich viel unzivilisiertes Verhalten gebracht haben. Ich glaube, dass Dörfer oft zivilisierter sind als Städte und dass es auch bei uns oft sehr unzivilisiert zugeht.

Aber Indien kann das alles bei weitem Überbieten. Zum Beispiel im Verkehr, wo ein Radfahrer mit schwerstem Gepäck auf dem Anhänger für einen SUV bremsen muss, obwohl es den Fahrer nur die Bewegung seines dicken Onkels kosten würde, um wieder zu beschleunigen. Der Radfahrer jedoch, muss absteigen und hundert Meter schieben, damit er wieder ein wenig freie Fahrt zum Beschleunigen findet. Aber er ist ja schließlich nur ein armer Schlucker, wen kümmerts. Und wen kümmert‘s wenn zwanzig Männer gleichzeitig in die Bahn in Kaschmir drängen, wo eigentlich eine alte Frau aussteigen möchte? Bis dann endlich der zivilisierte, weiße Mann mit Gewalt zwei Leute am Kragen zurückzieht, damit die Frau, mit Dank in den Augen, ein wenig mehr Platz hat, um sich durch die Menge zu quetschen. Indien ist nicht generell unzivilisiert. Aber leider an vielen Stellen viel zu sehr.

Unzivilisiertes Verhalten steckt an

Das Problem ist, dass diese Rücksichtslosigkeit ansteckt. In vielen Schlangen, kann ich durch meine Körpergröße tatsächlich der Fels in der Brandung sein, ja sogar für kurzen Moment etwas Ordnung bringen. In diesem Fall konnte ich es jedoch nicht und es tut mir Leid, ich war unzivilisiert. Denn das ist das Problem. Gefangen zwischen rücksichtslosem Verhalten, wird man selbst rücksichtslos, denn man muss ja gucken, wo man bleibt. Es ist wie eine Massenpanik. Leute drängen und wenn man am Ende der Schlange stehen bliebe, dann würden alle Leute an einem vorbei gehen. Dabei können Inder in Schlangen stehen, dass sieht man an Eingangskontrollen an großen Bahnhöfen oder Flughäfen. Aber sie brauchen komischerweise immer einen Polizisten mit Schlagstock, um einzusehen, dass eine Schlange etwas Zivilisiertes ist. Genauso war es in Dortmund bei dem Verkauf der Tickets für das Finale. Es brauchte nur ein paar wenig Idioten, die die Regeln der Schlange missachteten, dass alle andern fürchteten, dass sie keine Tickets bekommen und am Ende so sehr drückten, dass niemand Tickets bekam. Ich unter ihnen.

Ich war also unzivilisiert, rücksichtslos und wutgeladen. Das tut mir leid. Aber zum Glück habe ich meine Strafe bekommen. Die alte Dame hat es dann doch noch vor mich geschafft und als Dankeschön gab es am entsprechenden Schalter gar keine Tickets für den Ort, wo ich hinwollte. Obwohl es mir vorher von einem hilfsbereiten, rücksichtsvollen Mann so gesagt wurde. Hat er sich wohl vertan. Ich vergebe ihm, denn immerhin war er sehr hilfsbereit. Anders als ich heute.

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