Stranger on the Road

A smarter travel blog.

Die Gewöhnung an das Ungewöhnliche

Die Gewöhnung an das Ungewöhnliche

Über die Schulter werfe ich ein Blick auf mein Handy. Noch dreißig Sekunden springen. Ich setze zum Endspurt an, das Seil klatscht rhythmisch auf den groben Betonboden unter meinen nackten Füßen. 3… 2… 1… und Ende. Ich bin ein wenig außer Atem von meinem täglichen Fitnessprogramm, das ich brauche, damit ich nicht als Kugel wieder nach Hause zurückkehren werde. Aber ich bin glücklich. Heute Morgen war das anders. Ich bin irgendwie mit dem falschen Fuß aufgestanden und war ein wenig schlecht gelaunt. Keine Ahnung warum. Doch dann mache ich mich auf den Weg aufs Dach, für meinen Frühsport. Ich setze meinen Bluetooth-Kopfhörer auf und entscheide mich, heute mal kein Hörbuch zu hören, sondern Musik. Playlist: Lieblingsmusik. Ich drücke auf Play und fange an zu springen. Plötzlich durchfährt mich ein unglaubliches Glücksgefühl, von welchem ich heute Morgen nicht gedacht hätte, dass es möglich sei. Durch den Bluetooth Kopfhörer dringt Jimmy Eat World, eine Band, welche ich seit meinen Teenie-Jahren höre und liebe. Es ist diese Musik, die mich plötzlich zurückholt in die Realität, die mir vor Augen führt, was ich hier eigentlich mache, wie schön das Leben ist und meine schlechte Laune von heute Morgen ins Lächerliche zieht.

„Verdammt, schau dir das doch Mal an!“, ruft Nils, das begeisterte Kind in mir und lenkt meinen Blick auf das Schauspiel vor meinen Augen. Durch die tägliche Übung fliegt das Seil mittlerweile ganz von alleine um mich herum. Die Sonne kriecht gerade hinter der grünen Bergwand hervor und schickt ihre Strahlen durch den leichten Nebel des Tales. Die Stadt ist direkt am Hang gebaut, bunte Häuser ragen zwischen den grünen Bäumen hervor und verwandeln die Landschaft in eine Art expressionistische Heidi-Szenerie. In allen bunten Farben. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht und wärmt meinen Körper und Geist. Verdammt, ist das ein toller Moment. Ich lache in mich hinein und stelle mir vor, wie ich jetzt genauso gut zu Hause sitzen könnte und auf eine graue Wolkendecke über eine einfarbige Stadt zu sehen. Ich hüpfe mal auf einem Bein, mal auf dem anderen, mache Hampelmänner und fühle mich wie ein Kind auf dem Spielplatz.

Woher kommt das? Dieses plötzliche überschwängliche Glücksgefühl? Ich denke mal, ich habe mich gerade daran erinnert, wer ich bin und was ich eigentlich mache. Dass das nicht selbstverständlich ist, hier zu sein und einfach mal etwas zu entdecken. Etwas wirklich Neues. Tatsächlich bin ich hier wie ein Kind. Ein Anthropologe muss wie ein Kind sein. Alles muss neu gelernt, neu verstanden werden. Ich muss das vergessen, was ich für selbstverständlich halte. Das fängt bei kleinen Dingen an. Zum Beispiel, dass die große Schwester hier nicht mit ihrem Namen angesprochen wird, sondern als „Didi“. Oder dass ich zum Gruß die Hände Falte. Oder dass wir nicht gemeinsam anfangen zu Essen, sondern ich als Gast beginne. Und nach dem Essen kann ich aufstehen und gehen, ohne mich groß zu verabschieden. Ziemlich viele kleine Dinge. Dann gibt es noch große Dinge wie Sprache und soziale Beziehungen zu verstehen. Oder Freundschaft. Wenn man länger unterwegs ist, merkt man vieles gar nicht mehr. Die Umwelt wird vertraut, man nimmt sie weniger als fremd war, sondern setzt sie voraus.

Gewöhnung kann Freude hemmen. Wie ein Multi-Millionär, dem der Pool im Garten nach zwei großen Feiern auch nicht mehr den Kick bringt. Die Musik, die mich an zu Hause erinnert, hat mich wieder auf den Boden zurückgeholt. Ich sehe die Welt mit meinen Augen, nicht durch die Brille der Gewöhnung und Selbstverständnis. Ich kann von einer Identität zur nächsten wechseln, so wie ich gerade von einem Bein aufs andere hüpfe. Es braucht ein bisschen Übung, aber das Ergebnis ist gewinnbringend.

Und ich genieße es (etwas, was die Inder übrigens auch nicht wirklich praktizieren).  Das klappt am besten mit einem Stückchen Heimat. Immer wenn ich mit Freunden skype, wenn ich Rückmeldungen zu meinem Blog bekomme oder eben, wenn ich Musik von zu Hause höre, erkenne ich, dass ich etwas Besonderes mache. Dass ich wirklich neue Wege gehe, jede Sekunde bedeutungsvoll ist und ich mit jedem Schritt meinen Horizont erweitere. Das macht mich glücklich. Genauso ist es umgekehrt. Wenn ich zu Hause bin, sehe ich, was ich habe in meinem Leben. Wie schön meine eigene Kultur ist. Dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich ausgelassen bin und vor allem dass ich in einer liberalen und offenen Gesellschaft lebe, wo man Rücksicht aufeinander nimmt. Mal die ganze sexistische, rassistische und andere Scheiße abgesehen. Dass ich mein Leben leben darf. Dass ich dazu erzogen bin, frei zu sein. Und vor allem, dass ich diese Freiheit gut nutze. Manchmal sollte man sich selbst daran erinnern, wie außergewöhnlich doch das Gewöhnliche sein kann.

Next Post

Previous Post

2 Comments

  1. Mama December 10, 2017

    …….es ist immer wieder schön in Deinen Bildern zu sehen und DeinenTexten zu lesen, dass Du wirklich verstanden hast, wie man zwischen den Kulturen leben kann und leben lässt und Toleranz seinen so wichtigen Raum gibt. Mach genau so weiter. Ich bin sehr stolz auf Dich.

    • Stranger December 10, 2017 — Post Author

      Komm du erstmal vorbei und dann können wir gucken, ob ich verstanden habe, zwischen Kulturen zu leben 😀

Leave a Reply

© 2018 Stranger on the Road

Theme by Anders Norén

%d bloggers like this: