Minimalismus und Armut: Die kleinen Unterschiede

Ich laufe wieder durch das kleine Dörfchen, welches sich den Hang zwischen den grünen Bergen herab schlängelt. Alles hier ist etwas kleiner. Die Straßen sind so eng, dass kein Auto und kein Motorrad hier fahren kann. Nur Kinder, Hühner, Ziegen und streunende Hunde hüpfen die Stufen auf und ab. Ein wenig riecht es nach verbranntem Plastik von den Müllbergen, die am nahegelegenen Abhang verbrannt werden. Willkommen in meinem Mikrokosmos. Ich bin hier nun seit zwei Wochen und habe das Dörfchen nur wenige Male für kurze Zeit verlassen, um in die eigentliche Stadt zu gehen. Dort dröhnen die Motoren der Autos, die Hupen quietschen durch jede Gasse und die Menschen treten einander auf den Füßen herum, wie es in Indien nun einmal üblich ist.

Meine Mikro-Welt ist anders. Sie ist wesentlich ruhiger, weniger übersättigt, es gibt keine Werbeanzeigen, nur zwei Shops für das allernötigste und vor allem keinen Lärm. Ich hüpfe über den Abwasser-Kanal, welcher die Community von anderen abgrenzt, klettere ein paar gebrochene Stufen hinauf und erfreue mich an der Unperfektheit dieses Dörfchens. Die Stufen, die den Berg hinunter führen, sind in unangenehmen Abstand angebracht, sodass ich immer einen kleinen Zwischenschritt machen muss und nicht flüssig laufe. In Deutschland würde ich ausrasten, hier finde ich es belustigend. Ich biege ab auf einen dünnen Lehmweg, der mich an einem Haus entlangführt, tiefer in die Siedlung hinein. Ich grüße zwei, drei Menschen auf dem Weg und werde schließlich auf einen Tee eingeladen. Ich habe den Namen der Person vergessen, aber sie meinen wahrscheinlich auch. Vielleicht haben wir uns auch nie vorgestellt. Ich trete ein in seine Hütte. 12m², ein Bett, ein Schränkchen und ein Fernseher. Für mich als Gast wird von seinem Sohn ein Plastikstuhl herangeschafft. Ich folge der Einladung, mich hin zu setzen und wir unterhalten uns über dieses und jenes. Dann wird mir die ganze Familie vorgestellt. Es sind neun Personen, die in drei dieser Räume wohnen. Unvorstellbar für uns zu Hause. Doch die Menschen hier sind glücklich. Kaum einer beschwert sich, das Leben spielt sich auf der Straße ab und die Häuser sind zum Schlafen, Essen und Kochen gedacht. Oder romantisiere ich einfach mal wieder die Armut hier?

Letzte Woche war Black Friday. Der Feiertag der menschlichen Abhängigkeit von Konsumprodukten. Das Weihnachten für den Kapitalismus und Thanksgiving für die Werbeindustrie. Bis letztes Jahr wusste ich nicht einmal, dass es diesen Tag gibt. Jetzt könnte ich kotzen. Ist es wirklich schon so weit, dass wir einen Tag des Jahres für Shopping brauchen, damit unser Glaube an den Materialismus gefestigt wird? Denn es ist eine Religion. Wir leben um uns Güter zu kaufen. Um durch Produkte zu zeigen, was wir sind. Status ist unser Lebensziel und wir erreichen es durch Konsum. Das Bruttoinlandsprodukt ist seine Bibel, die Werbeindustrie der Jünger und die Einkaufsstraßen und Shoppingmalls sind die Tempel. Und unser Planet ist das Opfer auf dem Plastikaltar.

Das ist übertrieben? Okay, wofür arbeitest du denn? Du sagst wahrscheinlich, dass du arbeitest, damit es dir und deiner Familie gut geht. Aber deiner Familie geht es gut, wenn du zu Hause bist, wenn du dich mit Ihnen beschäftigst, wenn du mit deinen Kindern spielst und sie förderst. Deiner Familie geht es nicht gut, wenn sie vor dem neuesten Fernseher sitzen anstatt zu reden, wenn sie in den letzten drei Jahren vier iPhones pro Person hatten, aber sich jetzt langweilen, weil die Spiele darauf Ihnen nicht den Kick geben und außerdem ein neues iPhone auf dem Markt ist, was einen Knopf weniger hat. Revolutionär! Dir geht es übrigens auch besser, wenn du zehn Stunden weniger in der Woche arbeitest. Die Gesellschaft hat sich doch bitte nicht so lange entwickelt, damit wir immer noch den Großteil unserer (wachen) Zeit auf der Arbeit und, noch schlimmer, auf dem Weg dorthin verbringen. Aber wir brauchen ja das neue Handy.

Das alles schreibe ich hier auf meinem Laptop, den ich dieses Jahr neu gekauft habe. Mein alter war noch in Ordnung, aber zu langsam. Neben mir liegt mein Handy, mit dem ich meine Instagram-Bildchen von meiner Reise poste. Ich zähle Reisen auch zu Konsum. Auch wenn meine Reise eine Studienreise ist. Ich bin mir auch bewusst, warum ich auf Instagram poste, warum ich diesen Blog hier schreibe. Ich bin auch schuldig. Aber ich bin trotzig und schmeiße trotzdem den ersten Stein. Warum? Weil ich mich der Gesellschaft nicht entziehen kann. Es macht wenig Spaß, einen schlechten Status zu haben. Denn auch ich bin Teil der Gesellschaft und abhängig davon. Ich sehe Konsum jedoch nicht als meine Religion, sondern als der Teufel, der darin steckt. Mein Glaube ist, dass wir gute Menschen sein sollten und vor allem, dass wir herausfinden sollten, was das ist. Ohne Tempel, ohne heiliges Buch. Es sei denn zur Inspiration, aber nicht um meine Kreativität zu blockieren. Denn auch die Bücher wurden nur von Menschen geschrieben. Ich schmeiße Steine, damit wir gemeinsam das Problem realisieren.

 

Wir können mit Entwicklungen, auch mit Hilfe von Konsum, bestimmt bessere Menschen werden. Durch meine Forschung entdecke ich neue Ideen, merke, was ich wirklich brauche. (Laptop, Kamera, Essen). Aber in meiner Community hier habe ich keinen schlechten Status, wenn ich meine hässliche, braune Fleece-Jacke trage, wenn ich auf dem Boden mit den Händen esse oder wenn ich kein eigenes Handy hätte. Klar, die Kids sind neugierig, was ich mache. Mit meinem Handy oder meiner Kamera. Aber ich kann sie auch mit einer Runde Backgammon begeistern. Meinen Status hier genieße ich, weil ich gebildet bin und weil ich mich ernsthaft mit der Community auseinandersetze, um etwas Gutes zu tun. Und weil ich weiß bin, jaja. Mann kann auch weiß sein, einen guten Schein-Status haben, der aber nach einer Weile verfällt, weil auch das nichts Neues ist. Man bekommt die nötige Gastfreundlichkeit, aber echten Respekt muss auch ich mir erarbeiten. Der angesehenste Mann hier ist mein Gastvater. Warum? Weil jeden Tag Kinder in sein Haus kommen, um dort zu lernen. Seine Töchter waren die ersten Mädchen, die hier zur Schule gehen. Er inspiriert andere, etwas aus seinem Leben zu machen. Er ist ein guter Mensch. Viele Leute hier wissen jedoch nicht, wie das geht. Etwas aus seinem Leben machen. Es fehlen Vorbilder und Erfolgsgeschichten.

Ich bin zurück in der Hütte und mein Gastgeber fragt mich, ob ich Alkohol trinken möchte. Seine Fahne habe ich mittlerweile auch gerochen. Alkohol ist eins der großen Probleme hier. In jedem zweiten Haus riecht man die Fahne der Bewohner. Viele von Ihnen haben Kinder auf dem Arm, die in einem Haushalt voller Alkoholiker groß werden. Wenn sie älter sind, greifen sie sicher auch zur Flasche. Was gibt es denn sonst zu tun, mit so einer kleinen Lehmhütte und ohne Perspektive? Ich romantisiere also doch. Ich genieße den Minimalismus, weil ich die Freiheit habe, ihn mir auszusuchen, weil ich mich entscheiden kann, so zu leben und den Minimalismus so zu gestalten, wie ich das möchte. Mit Laptop, Handy und Bildung. Der Minimalismus ist mein Werk. Wenn ich jedoch in den Minimalismus hineingeboren werde, dann habe ich nicht diese Gestaltungsmöglichkeit. Dann bin ich das Werk des Minimalismus und kann höchstens zur Flasche greifen und die Welt in meinem Kopf gestalten. Denn auch die Armut ist ein Teufel.

Ich verabschiede mich freundlich und laufe wieder die kleinen bunten Häuschen entlang, die ich so gerne ansehe und aus denen mir immer ein Lächeln entgegen strahlt. Kinder spielen auf den Wegen und Grüßen mich „Hello, Sir, How are you?“ „I am fine, and you?“ „We are also fine.“. Ich komme wieder an der Grenze des Dörfchens an, stehe vor dem Abwasserkanal. Er stinkt und ist mit Müll gefüllt. Eine Menge Müll. Und einige alte Schnappsflaschen. Ich springe über den Kanal und lasse den Gestank hinter mir. Ich habe diese Freiheit.

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