Schlafen im Ausland: Meine goldene Regel bröckelt

Die Fahrt zieht sich mittlerweile ewig dahin. Was als kleines Abendteuer begann, ist mit zunehmendem Hunger und Müdigkeit mittlerweile eine kleine Tortur. Ich bin nicht zimperlich, aber diese Serpentinen durch den Himalya mit den staatlichen Bussen grenzen schon stark an einer Nahtod-Erfahrung. Ich bin bereits über nahezu nicht vorhandene Straßen in 5000 Meter Höhe gefahren, bin alleine über zugeschneite Pässe gelaufen und wurde in Viehtransportern per Anhalter mitgenommen. Aber wenn ich in einem Bus sitze, dessen Fahrer die Funktion der Bremse nicht ernst zu nehmen scheint und stattdessen lieber das Steuer rumreißt, bis das Heck kurz vor dem Ausbrechen steht, dann krampfen sich auch meine Hände mal an den Sitzen fest. In diesen Momenten bleibt einem nichts anders übrig, als sich selbst einzureden, dass der Fahrer das ja jeden Tag macht. Und da er noch lebt, scheint es ja bisher gut gegangen zu sein. Dieser Selbstbetrug hält genau bis zur nächsten Kurve. Hier versucht der Bus einen Laster zu überholen, zieht aus der eigenen Spur, hinter der Kurve kommt uns der Gegenverkehr in Form eines weiteren Lastwagens entgegen (welch Überraschung) und die Aufforderung „Blow Horn“ („Hupen") auf der Rückseite der Lastwagen wird ausgiebig praktiziert, inklusive Lichthupengewitter. Meine Finger Krallen sich tiefer in das Polster des Sitzes meines Vordermanns. Als ich uns schon 400 Meter den Abhang hinunter kullern oder durch die Windschutzscheibe fliegen sehe, reißt der Fahrer das Lenkrad herum und quetscht sich zwischen die Fronten der beiden Laster. Das Überholmanöver ist irgendwie gelungen. Ich schaue mich im Bus um. Alles entspannt. Zwischen beiden Lastern hat unser Bus doch bestimmt noch 30 cm Spielraum gehabt. Der alltägliche Wahnsinn der Menschen hier.

Und dann gucke ich erstaunt in die Sitzreihe nebenan. Dort schläft, seelenruhig, eine alte Dame, eingewickelt in eine Decke, quer auf der Bank. Sie schnarcht sogar ein wenig unschuldig. Ich habe keine Ahnung, wie ihr Körper das anstellt, mit dem Gleichgewicht. Während ich in jeder Kurve aus meinem Sitz fliege, beim Beschleunigen und Schalten hinein und hinaus gedrückt werde, liegt die alte Dame einfach da und pennt. Willkommen in Indien. Ein paar Stunden früher mussten mein Freund Vimal und ich den Bus wechseln. Direkt unter dem National Highway 1, an einem Hauptumschlagspunkt für die zahlreichen Reisenden hier in Haryana. Die Straße hat vier offizielle und sieben inoffizielle Spuren. Jede davon wird beidseitig befahren. Und quer. Es ist ein einziges Hupkonzert, Menschen eilen von einem Punkt zum anderen, um den Bus zu wechseln. So auch Vimal und ich. Wir bahnen uns den Weg zu einer Haltestelle in 200 Meter Entfernung, als ich plötzlich stolpere. Ich schaue verdutzt auf den Boden. Auf diesem 70cm breiten Stückchen Bürgersteig hat sich doch tatsächlich ein Mann niedergelassen. In all der Hektik liegt er da, eingerollt in eine alte löchrige, staubige Decke und schläft. Am lautesten Platz, den ich seit einem halben Jahr (da war ich in Delhi) gesehen habe. Einfach mal ein kleines Nickerchen. Ist ja schön hier zwischen den Abgasen, Hupen, streunenden Hunden und schreienden Menschen. Ich gehe weiter, Blicke ein letztes Mal nach hinten zu dem Mann, sehe wie andere Menschen über ihn stolpern. Doch der Mann schläft weiter seinen Dornröschenschlaf.

Es gibt einen Satz, über den ich mich immer wieder mal lustig mache: „Das könnt‘ ich ja nicht.“ Hört man oft als Vegetarier / Teilzeit-Veganer. Oder als Allein-Reisender. Oder als Ex-Rettungssanitäter. Ich bin davon überzeugt, dass man alles könnte, was andere können, wenn man sich anstrengt. Wahrscheinlich könnte ich auch dort auf dem Boden schlafen, aber dafür müsste ich vorher sechzig Stunden wach sein. Dann geht sowas bestimmt. Könnte ich das? Irgendwann, ich denke mal so mit 13 oder 14 Jahren, habe ich im Fernsehen so einen halbseriösen Doku-Beitrag gesehen. Wahrscheinlich auf Galileo oder so. Ich erinnere mich nicht an Details, nur an das Fazit am Schluss. „Für den Menschen ist eine Schlafdauer von sieben bis acht Stunden ideal und gesund.“ Ich fand das immer plausibel, bin ich doch um zehn ins Bett gegangen und um sechs aufgestanden. Ich war nie ein Morgenmuffel, bin auch am Wochenende zur gleichen Zeit aufgewacht und hielt mich mit gelegentlichen Ausnahmen an diese goldene Regel. Meine Klassenkameraden kamen mir vor wie Wundermenschen, wenn sie mir erzählten, sie seien bis um eins wach gewesen und hätten ferngesehen. Allerdings waren sie morgens auch eher verpennt und nicht so aufgeweckt (böse Zungen würden sagen „hyperaktiv“) wie ich. Meine Mutter hat mich dann immer beruhigt und gesagt, dass das nur Angebereien seien.

Die Schule ging, die Regel blieb. Auf der Arbeit oder im Studium war der Biorhythmus ein wenig flexibler, aber die Acht-Stunden-Regel stand für mich wie in Stein gemeißelt. Wenn ich mal den Wecker stellte und sah, dass ich nur noch weniger als acht Stunden bis zum Aufstehen hatte, geriet ich nahezu in Panik, sodass ich wesentlich schlechter einschlafen konnte und das Problem damit verstärkte. Okay, an Karneval gibt’s dann auch mal eine Woche lang die vier Stunden Nächte, aber da bin ich betrunken und brauche mein Hirn eher weniger. Das ist eine Ausnahme. Aber immer wieder in meinem Leben begegne ich diesen Wundermenschen, welche regelmäßig nur vier oder fünf Stunden pro Nacht schlafen oder das zumindest behaupten. Dann rede ich mir ein, dass diese Leute halt einfach nicht ausgeschlafen sein können. Sie arbeiten weniger mit dem Kopf als ich und müssen nicht wirklich wach sein für das, was sie machen. Oder sie machen ihre Sache einfach nicht so gut wie ich sie machen würde?

Hier in Indien gibt es noch mehr Wundermenschen für mich. Nach dem Höllenritt über die Serpentinen des unteren Himalayas kommen wir erschöpft bei unserer Gastfamilie an. Wir unterhalten uns, trinken viel Tee und irgendwann bekommen wir unser Zimmer und schlafen endlich ein. Bis es klopft. Ich wache verpeilt auf, auch Vimal schaut ziemlich verwirrt drein. Während ich noch mit der essenziellen Fragen meines Daseins beschäftigt bin (Wer bin ich? Wo bin ich?), öffnet Vimal die Tür. Der Vater stürmt herein, sein Sohn mit drei Tassen Tee im Schlepptau. „Chai Pio!“. Trinkt Tee! Ich schaue auf die Uhr. Fünf Uhr morgens, also nicht einmal sechs Stunden, seit wir schlafen gegangen sind. Erstaunt nehme ich meinen Tee entgegen, frage mich was hier abgeht. Sollen wir aufstehen? Gibt es Probleme? Der Vater legt los. Mit der Dringlichkeit eines Militär-Ausbilders erfüllt er den Raum. Ohne Punkt und Komma, ich habe keine Ahnung, wann ein Wort aufhört und das nächste beginnt. Auch Vimal ist überrumpelt und antwortet eher einsilbig. Nachdem wir uns die Rede angehört haben und der Chai ausgetrunken ist, steht der Vater abrupt auf und sagt: „Okay, ich muss zur Arbeit, schlaft weiter.“ Er schaltet das Licht aus, schließt die Tür und stapft davon. Vimal dreht sich um und schnarcht nach wenigen Minuten wieder sanft vor sich hin. Ich liege da, starre an die Decke und frage mich wieder einmal: Warum?

Ich bin es gewohnt, dass man in Indien oft von Lärm geweckt wird. Sei es in einem Hotel die Familie, die mit offener Tür ihre Sachen packt und sich dabei anschreit oder die Hunde, die nachts in Gangs um die Straßen ziehen und scheinbar grundlos bellen. Gelegentlich wacht man auch auf, wenn ein Auto am Nachbarhaus um Mitternacht vorfährt und zwei Minuten lang hupt, damit das Tor geöffnet wird. Außer mich stört das aber keinen, niemand wacht auf und sagt „Boar, du blöder Sack, hör auf mit dem Lärm.“ Alle schlafen weiter und lassen den Fahrer hupen. Was soll er denn auch sonst machen? Aussteigen und klingeln? Oder gar anrufen? Und dann gibt es dann noch die morgendliche Prozedur vieler südasiatischer Familien. Hier ist es üblich, seine Schleimablagerungen beim morgendlichen Toilettengang in den Abfluss zu rotzen. Deutsche machen das auch, aber ein wenig diskreter, oft darauf bedacht, dass Außenstehende davon nichts mitbekommen. Hier aber scheinen die Menschen ihren Schleim aus den Tiefen der Hölle hervorzuholen, während der Satan in ihnen wüst protestiert. Wie ein Löwe, der zum Angriff brüllt, entledigt sich so die ganze Familie ihres überflüssigen Ballasts. Bevor ich meine Oropax gefunden habe, bin ich davon jeden Morgen aufgewacht. Dafür putzen sich Inder in der Öffentlichkeit eher selten laut die Nase.

Naja, bei Lärm hilft Oropax. Bei dem, nun regelmäßigen, Tee um fünf Uhr morgens hilft nur die Anthropologen-Maske. Sie lächelt freundlich und ich trinke zermatscht meinen Tee. Mittlerweile habe ich mich tatsächlich daran gewöhnt und meine Acht-Stunden-Regel bröckelt. Ich wache nach sechs Stunden Schlaf auf, trinke Tee, plaudere ein wenig, schreibe meine Notizen, lese Nachrichten von zu Hause und dann, wenn der Vater weg ist, lege ich mich noch einmal ein bis zwei Stündchen hin und schlafe. Bis die jüngste Schwester an der Tür klopft. In ihrer freundlichsten Stimme sagt sie: „Bye, Bhaya. Main apna tution ja rahi hun." Tschüß, großer Bruder. Ich gehe zum Unterricht. Sie ist seit 4:30 wach, hat bereits Schülern aus dem Dorf Nachhilfe gegeben und geht nun selbst zur Schule. Ich schiebe so langsam meine Decke zur Seite und starte den Tag.

I am a student, an anthropologist, a human being. I love to discover new horizons and share my experiences through writing, photography or in little movies. I love camels and humans.

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