Respekt vor dem Alter: Ein Leben voller Geschichten

Außergewöhnlicher Respekt vor dem Alter war bisher etwas Fremdes für mich. Ich respektiere Leute, wenn ich Lust darauf habe und denke, dass sie es verdient haben. Wegen ihrer Taten. Nicht jedoch, weil sie irgendeinen Status haben, ohne etwas dafür zu tun. So wie Alter, Nationalität, Kaste oder Familienzugehörigkeit. Doch so langsam verstehe ich den Sinn darin, alten Menschen Respekt zu zeigen.

Die hundertjährige Inderin

Langsam schiebt sie einen Fuß vor den anderen. Schlurf, Schlurf, Clock. Zwei kleine Schritte mit den Füßen und einer mit dem Stock. So schleppt sie sich Stück für Stück zu ihrem Höckerchen vor der Metallschale mit dem wärmenden Feuer, dass in dieser Kälte bitter nötig ist. Ich möchte meine Hand ausstrecken und ihr helfen, doch die anderen zeigen mir mit Gesten, dass das nicht nötig ist. Und so geht sie in die Hocke und ächzt wie ein uraltes Schiff, dass den Wogen der Welt standhält. Irgendwann trifft ihr Gesäß den winzigen Schemel. Kaum mehr als ein kleiner Rahmen mit Stoff. Es gibt Stühle hier am Feuer, doch sie braucht sie nicht. Ihr gesamtes Leben ist sie mit dem Nötigsten ausgekommen. Wieder stöhnt und ächzt sie. Nicht von der Anstrengung des kurzen Weges zum Feuer, auch nicht wegen der Kälte. Es ist all das Gepäck, was sich über die Jahre angesammelt hat. Viele Jahre. Ein Ächzen über das Leben selbst. Sie ist eine Dalit, eine Unberührbare, und das schon seit über 100 Jahren.

Sie redet etwas vor sich hin, ich verstehe es nicht und die anderen starren weiter ins Feuer. Vielleicht verstehen sie es, vielleicht auch nicht, vielleicht ist es aber auch einfach nicht interessant. Nur ich betrachte gebannt die alte Dame. Wie sie dort am Feuer sitz, in der tiefen Hocke, mit den Füßen flach auf dem Boden, woran ich schon lange scheitere. Zwischendurch hält sie ihre Füße auch mal direkt in das Feuer. Fast schreite ich ein und will zur Vorsicht raten. Aber wer bin ich schon, dass ich meine Erfahrungen mit Feuer mit einer hundertjährigen Inderin messen will. Wieder redet die Frau, wieder starren alle ins Feuer. Ich denke, sie redet über alles und über nichts, summiert ihre gesamte Geschichte, ihr ganzes Gepäck, in einen einzelnen geseufzten Satz. Vielleicht muss man die Worte auch nicht verstehen, denn der Inhalt ist klar.

Eigentlich schade. Ich wünschte, ich könnte mich mit der Dame verständigen. Oft habe ich es versucht, doch ich verstehe die Antwort nicht. Die Stimme ist zu knarzig, zu sehr strapaziert von all den Jahren und die Sprache älter, als ich wahrscheinlich werde. Doch irgendwie liegt immer etwas eindringliches, ermahnendes in ihrem Ton. Ich muss mir Mühe geben, sie nicht zu unterschätzen, die Ohren und Augen und auch der Verstand der Dame sind noch immer geschärft. Warum sollte ich das überhaupt? Eine alte Dame unterschätzen, sie belächeln? Ständig mache ich das, ständig machen das Leute. Mit einer alten Dame wird oftmals geredet wie mit einem kleinen Kind. Krankenhäuser und Altenheime sind das beste Beispiel. „Ja, Frau Meier, das machen wir schon, ne? Wird alles wieder gut.“ Frau Meier, ich mache das für sie. Aber Ich habe keine Zeit und Lust Ihnen alles zu erklären. Sie verstehen es ja doch nicht mehr. Dafür sind sie zu alt. Kinder sind zu jung zum verstehen und Alte zu alt. Beide sind hilflos und brauchen Betreuung. Das lässt uns oft vergessen, dass alte Menschen so einiges mehr auf dem Kerbholz haben, als wir.

Ich denke an all das, was die alte Dame schon durchgemacht haben muss. Sie hat mehr Jahre auf dem Buckel, als ich mir vorstellen kann. Ich sehe es so, dass mein Geist erst seit zehn Jahren so einigermaßen ausgebildet ist und sich meine Synapsen zu vernünftigen Denkstrukturen zusammengefügt haben. Ich habe valide Erinnerungen nur von den letzten 20 Jahren, wenn überhaupt. Und das scheint schon so viel zu sein. Diese alte Dame hat aber das vierfache davon. Ich halte mich zwar für klüger als die Dame, aber trotzdem ist ihr Erfahrungsschatz etwas, was mich stutzen lässt. Ich denke daran, was denn bei mir noch so alles kommt. Ein Leben kann auch ganz schön lang sein.

Früher war alles anders?

Am letzten Geburtstag meiner Oma habe ich den ganzen Tag mit dem alten, schrulligen Kreis von Damen aus der Nachbarschaft Kuchen gegessen und Kaffeekränzchen gehalten. Zum ersten Mal habe ich mich auf alte Menschen eingelassen ohne zu denken, dass Verständnis nicht möglich sei. Ich habe festgestellt, dass sie gar nicht mal so schrullig sind, wie ich angenommen habe. Und auch nicht so zurückgeblieben im Denken. Dann hört man so schöne Dinge wie. „Ne, geh mir weg mit der AfD. Sowatt hatten wir schomma mit dem Addi, son Quatsch brauchen wir nicht wieder.“ Da geht das Herz auf.

Außerdem stellt sich bei solchen Gesprächen heraus, dass früher gar nicht mal alles so anders war, wie man denkt. Auch die Omas haben geflirtet, auch die Omas hatten heimlich Affären, sind lieber zum hübscheren Bauern gegangen, um die Milch zu holen, auch wenn der Weg weiter war. Während sie davon berichteten, giggelten sie sogar ein wenig wie die Mädchen, die sie mal waren. Ich habe mir all diese Geschichten mit größter Neugier angehört, keine Sekunde war mir langweilig. Es wurde sehr viel gelacht und ich glaube, nicht nur ich war zufrieden, dass ich das Durchschnittsalter des Kaffeekränzchens drastisch gesenkt habe.

Ein leben voller Geschichten

Was hätte also wohl diese alte Frau aus ihrem Leben zu erzählen. Wo hat sie als Kind Äpfel geklaut? Wann hat sie das erste Mal etwas Verbotenes getan? Worüber hat sie bei Treffen mit anderen Frauen aus ihrem Dorf gewitzelt? Ich kann mir das Leben einer indischen Frau sehr schwer vorstellen und es ist gewiss nicht das privilegierteste. Dennoch zweifele ich daran, dass es nur aus Gefangenschaft und Elend besteht. Je länger ich hier lebe und je vertrauter mir meine Gastfamilie wird, desto mehr kleine Einblicke bekomme ich auch in das Leben von indischen Frauen. Ich merke, dass die Geschichte der unterdrückten indischen Hausfrau nur ein kleiner Teil einer großen Wahrheit ist. Strukturelle Unterdrückung gibt es, klar. Aber daneben gibt es auch Macht, Spaß, Freiheiten und vielerlei Dinge, die das Leben durchaus lebenswert machen.

Ich wünschte so sehr, ich könnte die alte Dame verstehen. Ich möchte alte Geschichten hören. Geschichten jenseits des Elends, was es sicherlich auch massig gab. Geschichten über die Vergänglichkeit von Jahrzehnten, von Regimen, von Kultur und vom Leben in der „Modernen“. Was denkt die Dame, was wirklich wichtig ist? Was denkt sie wohl darüber, dass ich so komische Fragen stellen möchte? Ich möchte all das hören, was ich nicht erwartet hätte, denn ich weiß, dass da so viel in ihr steckt, so viel Interessantes. Doch ich kann es nicht. Und trotzdem hat sie mich eines gelehrt. Allein durch ihr Ächzen und Stöhnen hat sie mir gezeigt, dass dort etwas in Ihr ist. Ein langes Leben mit vielen Erfahrungen.

Was bedeutet REspekt?

Respekt bedeutet also Anerkennung. Es ist kein blinder Gehorsam aufgrund von Status, sondern es ist Status selbst. Ich finde Status oftmals nervig und fehlplatziert. Zum Beispiel, wenn er angeboren ist. Aber Respekt für ältere Menschen ist richtig. Er ist erarbeitet. Durch die Dauer des Lebens selbst. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich dem Wort einer alten Person gehorche, nur weil sie alt ist. Es bedeutet auch nicht, dass ich dieser Person zustimmen oder sie gut leiden können muss oder dass ich ihr nicht widersprechen kann. Es bedeutet lediglich, dass ich ihr Alter respektiere. Eine Anerkennung, dass in dem Menschen mehr Geschichte steckt, als nur die der hilfsbedürftigen Person. Von einem kleinen Besserwisser, der noch grün hinter den Ohren ist. Auch wenn ich viel Erfahrung habe, gut gebildet bin, ist das nichts im Vergleich zu einem ganzen, langen Leben. In Indien berührt man die Füße von älteren Personen als Zeichen des Respekts. Bisher kam mir das immer übertrieben vor. Doch nun ist es überhaupt nicht mehr abwegig.

I am a student, an anthropologist, a human being. I love to discover new horizons and share my experiences through writing, photography or in little movies. I love camels and humans.

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