Egoismus und Altruismus erklären nicht alles: Der Nostruismus

Die Debatte über Egoismus und Altruismus ist schon ziemlich lange da. Egoisten handeln aus Eigennutz, Altruisten handeln für andere. Vielleicht ist es aber nicht ganz so einfach, wie es ausschaut. Anhand von meinem täglichen Morgentee und dem Essen als Gast in Indien, komme ich ganz schön ins Grübeln, da sich einige Erlebnisse ziemlich schwer einordnen lassen.

Egoismus und Altruismus. Sind das überhaupt Gegensätze?

Egoismus und Altruismus werden oft als Gegenspieler gehandelt. Die pessimistischen Philosophen wie Hobbes oder Locke gehen davon aus, dass ein friedliches Umgehen miteinander immer Gegenstand des eigenen Nutzens und Selbsterhaltungstriebes des Individuums ist, wohingegen Optimisten von einem allein durch Nächstenliebe getriebenen Handeln, oder zumindest dessen Möglichkeit ausgehen. Ich glaube, das beides schließt einander nicht aus. Doch auch ich bin ausnahmsweise Teilzeit-Pessimist und möchte vermuten, dass jegliches altruistisches Handeln zumindest unserem eigenen Seelenwohl dient und damit egoistische Züge hat. Besonders wenn wir an Nächstenliebe denken. Ich denke dabei daran, dass wir einen Propheten brauchten, der uns Nächstenliebe beibringt, uns dessen Nutzen erläutert, der für unsere Sünden stirbt und uns bekräftigt, dass wir letztlich nach dem Tod für gutes Handeln belohnt würden. Und im Diesseits durch eine bessere Welt. Der Ökonom Tomáš Sedláček erläutert in seinem Besteller Die Ökonomie von Gut und Böse, dass menschliches Handeln nicht von dem Drang nach Nutzen getrieben ist, sondern dass Menschen danach handeln, was „gut“ ist. Ich mag diesen kulturtheoretischen Ansatz, dennoch stellt er nur eine neue Frage auf: Warum handeln wir denn so, dass es gut ist? Und wie entscheiden wir, was gut ist? Haben dann Massenmörder, Vergewaltiger und Kriegstreiber einfach nur ein anderes Verständnis von gut? Ist deren Verständnis von gut dann einfach nur Egoismus? Gut ist, was für mich gut ist? Irgendwo endet dann doch alles in einer Tautologie.

Von daher möchte ich Egoismus und Altruismus nicht als Ursprünge des Handelns sehen, sondern als Praktiken. Entscheidend ist nicht, was in dem Menschen wirklich vorgeht, da es für uns schwer beweisbar ist. Ausschlaggebend ist, wie sein Handeln gerechtfertigt und empfunden wird. Das schließt auch ein, dass Menschen aus Egoismus altruistisch handeln können. Na und? Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Und vielleicht gibt es da noch mehr Kategorien. Ich schlage einen Nostruismus vor.

Nehmen wir mal an, dass Egoismus und Altruismus Konstrukte sind, die erst aus dem Denken entstehen, mit dem wir unsere Welt wahrnehmen. Die Kategorien wurden schließlich auch erst irgendwann erfunden, als sich Menschen Gedanken über gutes Handeln gemacht haben. Teil dieses Denkens ist aber auch die klare Unterscheidung zwischen alter und ego. Du bist du und ich bin ich und daher bist du nicht ich. Das ist physisch vielleicht so. Aber anthropologisch gar nicht mal so unbestreitbar. Schließlich gibt es noch mehr Personalpronomen, wie zum Beispiel das wir.

Das alles fängt an mit der Frage der eigenen Identität. Hier gibt es zwei (schon wieder diese dämlichen Dichotomie) verschiedene Denkweisen zu unterscheiden. Die des Kollektivs und die des Individuums. Auch das sind nur einfache Ideen, um eine komplexe Wirklichkeit zu vereinfachen. Selbst der typische westliche Geschäftsmann handelt nicht nur aus individueller Sicht, sondern sicherlich auch oft mit kollektiven Zielen, wie der Verbesserung des Familienstatus. Und meine Indischen Freunde handeln vielleicht auch nicht immer nur für die Familie, sondern nehmen sich auch mal ein Bonbon aus der Dose, nur für sich.

Ein Beispiel: Mein morgendlicher Tee in Himachal Pradesh, Indien

Was ich sehr faszinierend finde ist, dass ich hier oft mit Handlungsweisen konfrontiert werde, welche weder mir, noch den anderen dienen. Im wir sind das du und ich weniger wichtig. Ich habe bereits erwähnt, dass ich gut und gerne schlafe und da ich ein individualisierter weißer Mann bin, regele ich gerne meinen Tagesablauf alleine und unabhängig. Da ich zur Zeit aber in einer weniger individualisierten Gegend lebe, zudem mit einer (wundervollen) indischen Familie, kollidiert mein individualistischer Drang oft mit den Annahmen der Menschen.

Ich bin hier mit meinem Freund Vimal, wir teilen uns ein Zimmer unter der Wohnung der Familie und werden bestens versorgt. Dazu gehört auch ein regelmäßiger Tee am Morgen, der uns von einem der Kinder der Familie jeden Tag hinuntergebracht wird. Als leidenschaftlicher Teetrinker für mich ein Paradies. Vimal jedoch geht (wesentlich) später schlafen als ich und ist meist noch nicht wach, wenn der erste Tee kommt. Das ist ja gar kein Problem. Dann machen die Kinder ihn halt wach. Und zwar nicht so vorsichtig, wie eine liebevolle Mutter ihren sechsjährigen Sohn sanft wecken würde, sondern mit einem energischen Klopfen und Rufen an der Tür „Chay, Bhaya. Wake up, drink tea.“ Ich bin schockiert, öffne die Tür und gebiete leise zu sein. Doch anstatt der bitte zu folgen, kommt der Junge mit dem Tee in das Zimmer und ruft Vimal erneut, er solle doch bitte aufwachen und Tee trinken.

Das ist ja schon verwunderlich. Aber dass dann Vimal, ganz ohne genervt zu sein aufwacht, das wirft für mich einige Fragen auf. Selbst ich bin ja schon ziemlich angepisst, dass er jetzt aufstehen muss, nur weil jemand meint, ihm etwas Gutes tun zu wollen. Vimal ist es jedoch nicht. Es ist normal. Obwohl er gerne weiter geschlafen hätte. Was ihm Gut tut, entscheidet also nicht er, sondern andere. Doch was ist das dann? Egoismus, Altruismus? Die Familie handelt nicht so, dass es ihr direkte Vorteile bringt. Das wäre, zu warten bis Vimal wach ist und ihm dann Tee zu geben und somit eine Verbesserung ihrer eigenen Situation in der Zukunft durch seine Gegenleistung zu erhoffen. Oder einfach keinen Tee zu machen und Arbeit und Kosten zu sparen. Altruistisch wäre ebenfalls den Tee zu geben, wenn er ihn braucht oder den Wunsch äußert, in diesem Fall ohne Erwartung einer Gegenleistung. In beiden Fällen jedenfalls, würde Vimal keinen Tee bekommen, wenn er schläft. Er bekommt ihn aber.

Ich glaube, dass er ihn bekommt, weil es dem wir dient. Ein Gast verdient seinen Tee. Es geht hier nicht um die jeweiligen Wünsche und den Nutzen der Beteiligten, sondern um deren Beziehung zueinander. Vimal bekommt den Tee, da er ein Gast ist und er ist freundlich, da er Gast ist. Das gehört sich so und steht in diesem Falle über dem eigenen Willen zu schlafen oder keinen Tee zu machen. Weil es eben „gut“ so ist. Im Sinne der Regeln des Miteinander. Ich finde es gut, wenn ich meine Gastgeber meine Bedürfnisse nur dann erfüllt, wenn ich sie äußere oder ihnen zustimme. Bei mir zu Hause bekommen meine Gäste nur Tee, wenn ich sie vorher gefragt habe oder davon ausgehen kann, dass sie Lust darauf haben. Auf keinen Fall, wenn sie wahrscheinlich weiterschlafen wollen. Das Individuum zählt.

Dann gibt es noch die Sache mit dem Essen. Indisches Essen ist für mich das beste der Welt. Zumindest von dem, was ich kenne. Das ist gefährlich für meine Figur, weil es bei mir zu Hause den Mädels nicht egal ist, ob ich eine Wampe habe oder nicht. Das habe ich auch so unter Lachen der Familie erklärt. Trotzdem landet ohne Nachfrage immer wieder Essen auf meinem Teller, auch wenn ich beteuert habe, dass ich nichts mehr möchte. Manchmal sogar, wenn ich wirklich voll bin. Klar, das machen die Omas bei uns zu Hause auch gerne. „Nimm doch noch mal, an dir ist ja nichts dran.“ Das machen aber halt nur Omas, weil es sich so gehört für eine Oma. Die indische Familie und die westlichen Großeltern schöpfen noch einen drauf, damit die Beziehung gestärkt wird. Wir sorgen für dich. Es ist egal, ob ich das will, es wird sich gesorgt. Nicht aus Egoismus, nicht aus Altruismus, sondern aus Nostruismus.

One Comment on “Egoismus und Altruismus erklären nicht alles: Der Nostruismus”

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *