Mit Mama unterwegs in Indien

Click here for English

Mal was anderes – ganz gewöhnlich Reisen

Meine Mama ist zu Besuch in Indien und ich bin für zwei Wochen ein ganz normaler Tourist. Das hat Vor- und Nachteile. Der größte Nachteil ist, dass ich nicht mehr Gast bin, sondern vor allem Geldbeutel. Finanziell gesehen ist das kein Problem, ich gebe trotzdem weniger aus als ich es in Deutschland täte und habe dadurch, dass ich in den letzten Monaten niemals mehr als 150€ ausgegeben habe sowieso ein leichtes Polster. Das Problem ist also vielmehr, dass ich weniger Kultur erlebe. Beziehungsweise eine andere Kultur als das, was ich eigentlich erwarte. Die Kultur, die ich bekomme ist Folklore, Entertainment, Touristenprogramm. Eine Welt, die darauf abgestimmt ist zu unterhalten. Irgendwo mit einem echten Kern, einer wahren Geschichte, aber dennoch so aufbereitet, dass es sich gut verkaufen lässt.

Das Reisen als Touri kann anstrengend und erheiternd sein. Zumindest habe ich mal wieder Bilder von mir und meiner Mutter.

Mit Hotelangestellten, Rickshawfahrern und anderem Personal kann ich jedoch durch ein flottes Hindi-Gespräch schnell das Eis brechen und die Menschen von einer anderen Seite kennen lernen. Das ist ein Vorteil. Ich sehe das Programm, welches Mitreisende bekommen, werde jedoch gleichzeitig insofern anders behandelt, dass ich Antworten bekomme, die nicht wie das „we get a monthly salary from hotel and are very happy, but also we get tips from guests“ klingen. Antworten, die nicht auswendig gelernt sind, um an (mehr) Geld zu kommen, sondern vielleicht ein Stück weit näher an der Realität sind. Nicht die komplette Wahrheit, dafür fehlt das Vertrauen, aber zumindest etwas in der eigenen Sprache, das Interpretationen zulässt. Und dann konnte ich auch noch vorsichtig fragen, ob man im Wüstendorf nicht einen Englischlehrer bräuchte. So im März vielleicht für einen Monat. Aber das wird ein anderes Kapitel.

Mit Mama Indien erleben

Was mich jedoch am meisten interessiert, ist die Wahrnehmung des Landes durch meine Mutter. Neulich waren wir zusammen in einem Raum untergebracht. Ein heller Raum mit zwei Fenstern, großem, weichem Bett und einer Wand ohne schwarze Verfärbungen durch Schuhe, dreckige Hände oder sonst etwas. Selbst der Lichtschalter war nicht abgegriffen oder schmantig. Fast war ich enttäuscht, denn ich hörte meine Mutter schon sagen: „Ach. Also ich hätte mir das alles ein wenig schlimmer vorgestellt, hier.“

Für meine Mutter war der Indien Trip nicht nur reich an neuen Erfahrungen, wir haben auch sehr viel gelacht.

Was ich jedoch zu hören bekam war „Mein Gott! Wie das hier aussieht. So zusammengewürfelt und dieser dreckige Ventilator und die Klimaanlage hat auch schon bessere Zeiten gesehen.“ Dann fing sie an zu lachen, was mir zeigte, dass sie es zumindest nicht zu eklig oder ihrergleichen unwürdig fand, sondern einfach nur lustig anders. „Also ich bezweifele, dass meine Arbeitskollegen jemals auch nur eine Nacht hier bleiben würden.“ Erst nach ausführlicher Erklärung darüber, welche Möbelstücke nicht zusammenpassen, was alles einen neuen Anstrich bräuchte und auf welcher Fensterbank, in welcher Ecke und wo generell noch einmal intensiv geputzt werden könnte, konnte ich antworten: „Jo, jetzt seh‘ ich’s auch.“ Ich habe mitgelacht. Aber ganz verstanden habe ich es nicht.

Ordnung und Selbstdarstellung

Das, was meine Mutter anfangs als ständige Armut sieht, ist für mich längst Alltag geworden. Und ich sehe es auch nicht als Armut. Auch auf die Gefahr das Leben hier zu romantisieren, möchte ich behaupten, dass finanzielle Armut hier nicht allzu oft eine Rolle spielt. Sicher, es gibt die Slums, Menschen, die im Müll hausen und vieles mehr. Aber das, was meine Mutter bemängelt ist für mich selten ein Zeichen von Armut. Es ist nur eine andere Kultur.

Übernacht-Reisen in der Sleeper Class ist vielleicht etwas, was ich meiner Mutter nicht noch einmal antun würde. In dem Fall ließ es sich jedoch leider nicht vermeiden.

Wir Deutschen (ich rede jetzt mal nicht über Studierenden-WGs) lieben unsere Ordnung. Alle Rahmen müssen gerade hängen, das Geschirr gehört sortiert und auch an Stellen, die man nicht sieht wird geputzt. Unsere Möbel sind im Idealfall perfekt aufeinander abgestimmt. Von der Auswahl der Farben über die Rundung der Kanten bis zu der Maserung des Holzes des Beistelltisches. Denn wir zeigen mit unserem Geschmack, wer wir sind. Wir präsentieren uns und stellen uns als Individuen dar, mit dem, was wir haben und wie wir unsere Welt gestalten. Bei uns ist jeder sein eigener Künstler.

In den indischen Städten ist dieser westliche Hang zur Selbstdarstellung auch bereits angekommen (bitte nicht negativ lesen, ich liebe meine Kultur). Kein Wunder, denn es ist ja auch verlockend mit einfachen Mitteln seinen Status zu verbessern. Auf dem Land in Indien ist dies jedoch noch etwas anderes. Du bist in deinen Status geboren, durch Selbstdarstellung kannst du zwar dein Ansehen ein wenig verändern, jedoch bewegt sich dies in einem gewissen Rahmen. Es ist wesentlich wichtiger, die eigenen Pflichten zu erfüllen. Gut für deine Gäste zu sorgen, zum Beispiel. Dann gibt es zum Beispiel in Häusern, die wir nur für fünf Stunden besucht haben, wunderschöne Schals als Geschenke für meine Mutter. Für das Geld hätte man sicher auch mal wieder die abblätternde Farbe im Wohnzimmer überstreichen können. Aber warum? Es ist ja nicht das Ziel der Menschen. Genauso wenig, wie wir auf die Idee kämen, fremden Besuchern einen Schal zu schenken.

Mal wieder die einfachen Fragen stellen

All das erkläre ich meiner Mutter. Mit viel Geduld, denn Indien erschlägt sie. Indien erschlägt jeden Menschen aus unseren Breiten. Es ist laut, chaotisch, bunt und dreckig. Auch mich hat es am Anfang überwältigt. Im Negativen, wie im Positiven. Dann muss man zwischendurch einfach mal abschalten. Es ist unmöglich, alle Fragen zu beantworten und so habe ich auch irgendwann aufgehört alle Fragen zu stellen. Ich habe angefangen, die Kultur so hinzunehmen, weil die Antworten noch zu komplex waren. Doch jetzt, wo ich mich gut eingelebt habe, ist es schön wieder einmal die simplen Fragen zu hören, die meine Mama so stellt. Warum essen wir als Gäste eigentlich alleine, ohne die Gastgeber? Weil das Essen zu kochen schon eine Art von Beziehung ist und nicht das Gespräch bei Tisch. Warum ist hier alles so rücksichtslos? Weil die Leute nicht aufgrund ihres Verhaltens bewertet werden, sondern aufgrund ihres Status durch Job, Kaste oder Familie. Warum kochen die Menschen scharfes Essen, obwohl wir betonen, dass meine Mutter kein scharfes Essen essen kann? Weil scharfes Essen Liebe bedeutet.

Irgendwie ging doch alles gut. Mit ein wenig Galgenhumor und Zynismus lässt es sich gut aushalten.

Und irgendwie hat dann doch alles seine Ordnung. Allerdings ist es eher eine unsichtbare Ordnung, ein komplexes Netzwerk aus Beziehungen und Regeln, wie wer wen zu behandeln hat. Vielleicht sogar ein wenig komplexer als die Zusammenstellung eines perfekten Hotelzimmers. Gewiss zu komplex für zwei Wochen Reise, wahrscheinlich auch für meine sechs Monate Aufenthalt. Aber man muss ja nicht alles durchblicken. Es ist ja schon ein Anfang zu sehen, was alles anders sein kann. Vielen Dank für den anstrengenden Besuch, Mama.

 

 

I am a student, an anthropologist, a human being. I love to discover new horizons and share my experiences through writing, photography or in little movies. I love camels and humans.

2 Comments on “Mit Mama unterwegs in Indien”

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *