Indien erleben – Welche Möglichkeiten gibt es?

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Die Schlange windet sich vor uns durch die Gitterstäbe. Ein kläglicher Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen. Die Motoren knattern und die Hupen der Auto-Rickshaws tröten einem eine kontinuierliche nervenzerreißende Hintergrundmusik in die Ohren. Experimenteller Freejazz auf indisch. Schlimmer als das schreiende Kind im Zug auf der Hinfahrt. Ständig kommen Menschen an, die einem etwas andrehen wollen. „Hey man. Need Tuc-tuc?“ „Hello Sir, do you want a guide for the Taj?” “Excuse me, before you enter the queue, you have to buy a ticket over there.” Ich will mich doch gar nicht in diese doofe Schlange einreihen, verdammt. Nicht an einem Sonntagnachmittag, wenn die Schubserei an Indiens berühmtesten Bauwerk ihren Höhepunkt erreicht.

Ich schleife meine Mama hinter mir her, an den wartenden und drückenden Menschen vorbei, eine ruhige Straße entlang der Fortmauer, welche den Taj Mahal umgibt. Kurz bevor wir das Chaos gänzlich verlassen, spricht mich ein Junge an. In seiner Hand hat er irgendeinen Scheiß, den er Touris andreht. Menschen wie uns. „Not go there, dangerous.“ Meine Mutter hält inne. „Stop, Sir, you cannot go there, Sir.” Ich will ihn ignorieren, aber meine Mutter bleibt stehen. “Nils, er sagt, man darf hier nicht lang gehen.“ „Ja und? Er ist nur irgendein Typ, der sich aufspielen will. Er steht ja selber hinter einem Zaun, den er gerade verbotenerweise überklettert hat. Dummer Spinner.“ In Wirklichkeit habe ich ein wesentlich verachtenderes Wort benutzt, da meine Stimmung sehr gereizt war. An Plätzen wie diesem findet man überall Menschen, die es in Kauf nehmen, gute Pläne zu zerstören, nur um einen kleinen Gewinn für ihr verkacktes Leben rauszuhauen. Wir passieren ein altes Tor und lassen gänzlich das Chaos hinter uns. Meine Mutter ist begeistert. In Schwärmen vollführen grüne Papageien an der Mauer ihre Flugkunststücke. Affenfamilien relaxen auf den Steinen und das alles ca. 100m Luftlinie vom Taj Mahal entfernt. Während meine Mutter ein Foto nach dem anderen schießt und sich über die Kulisse freut, atme ich erleichtert auf. Wir treffen auch auf einen Polizisten, der freundlich grüßt. Wir dürfen also tatsächlich hier bleiben, nix mit Verbot.

Etwas zeigen oder etwas gezeigt bekommen?

Den Taj selbst besuchen wir am nächsten Tag. Ja, er ist schön, fotogen und vor allem sauber. Man darf nicht einmal Bonbons mit aufs Gelände nehmen. Und auch kein Spielzeug, was dazu führte, dass der Teddybär meines verstorbenen Onkels, welchen meine Mutter seither auf Reisen mitnimmt, beim Eintritt in den Taj Mahal Stellen an meinem Körper berührt hat, die nur den wenigsten Menschen zugänglich sind. Aber er hat’s geschafft. Und so gab es einige Fotosessions an diesem Gebäude, welches man in der Tat mal besucht haben muss, wenn man in Indien war und welches so ganz anders strahlt als der Rest des Landes.

Yamuna Verschmutzung
Das Ufer des Flusses Yamuna ist geprägt von Müll

Und deshalb gehe ich mit meiner Mutter auch noch einmal nach unten zum Fluss Yamuna, der direkt hinter dem Taj entlangläuft und wohl eher als Wahrzeichen indischer Verschmutzung gelten kann. Kleine Plastikbecherchen, in denen die Inder ihren geliebten Cay trinken, um sie dann gewissenlos in der Landschaft fallen zu lassen, prägen das Bild. Auch das sollte ein Teil der Indienreise sein. Und da ich in meinem Kopf ganz gerne kategorisieren, möchte ich im Folgenden drei verschiedene Arten von Reisen in Indien aufzählen.

Indien als Tourist mit Koffer.

Fast hätte ich geschrieben „Indien als Tourist“. Doch das würde ja bedeuten, dass die anderen Reisen kein Tourismus sind. Indien als Tourist mit Koffer ist zwar etwas, das ich nicht kenne, aber hin und wieder sehe. Wenn man diese Reise plant, hat man normalerweise alles über einen Veranstalter gebucht und bekommt die glänzenden, alten Gebäude und Orte des Landes gezeigt. Man sitzt in klimatisierten Bussen, fährt von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, übernachtet gut und isst Toast mit Marmelade zum Frühstück.

Man muss sich nicht lächerlich machen und Schuhüberzieher tragen. Es geht auch barfuß mit Kopftuch in der Moschee.

Hierdurch spart man sich das ätzende Gedrängel der Stadt, aber man sieht auch weniger, sondern bekommt stattdessen etwas gezeigt. Dann watschelt man mit Schuhüberziehern und lächerlichen Überzieh-Burkahs durch die Jama Masjid, wo die Einheimischen mit Barfuß und locker übergeworfenem Kopftuch ihrem Alltag nachgehen. Aber immerhin sind auch diese Leute interessiert am Leben hier und wollen etwas Neues sehen. Ich kann auch verstehen, dass sich manche Leute im gewissen Alter nicht in eine Auto-Rickshaw setzen und die holprigen Straßen Alt-Delhis durchqueren oder sich morgens mit kaltem Wasser aus einem Eimer waschen wollen. Ich hoffe nur, dass mir das auch in Zukunft nichts ausmacht.

Indien als Tourist mit Rucksack

Jaja, die Backpacker. Ganz individuell reisen sie mit dem Lonely Planet in der Hand durchs Land, treffen andere Backpacker im Blue Lassi Shop in Varanasi, nachdem sie bereits den Süden Indiens „gemacht“ haben. Sie erzählen, wie toll alles ist, was für Leute sie kennen gelernt haben und diskutieren über Weltfrieden und Freiheit. Und ja: Ich bin auch schuldig. Wenn man hier überhaupt von Schuld sprechen kann. Wenn man Backpacking macht, um etwas zu erleben und Gleichgesinnte aus anderem Umfeld zu treffen, dann los. Es ist perfekt, um einen Einblick in die fremde Welt zu bekommen, um sich auch ein Stück weit selbst zu entdecken. Doch es ist eine Blase. Selbst beim Couchsurfing stößt man oft auf eine ganz bestimmte Art Mensch: die Traveller.

Doch man kann auch anders backpacken. Viele Backpacker ziehen ohne Reiseführer drauf los, hängen ab mit ganz normalen Menschen an ganz normalen Plätzen und führen ganz normale Gespräche. Ich klinge zwar oft sehr kritisch, aber im Grunde sehne auch ich mich gelegentlich nach einem heiteren Gespräch unter Leuten, die mich wirklich verstehen und einfach Spaß am Leben haben. Ich muss nur dann schmunzeln, wenn sich Debatten über Kultur ergeben und die Beteiligten währenddessen ihr Roti mit Gemüse befüllen und dann einrollen und essen, weil sie nie gesehen haben, wie man es richtig macht. Und noch mehr muss ich schmunzeln, wenn ich daran denke, dass auch ich das Mal gemacht habe. Irgendwie muss man ja anfangen und auch nicht jeder muss Anthropologe sein.

In Indien als Gast mit Rucksack oder Koffer

Ich helfe hier zwar auch gelegentlich meinem Freund Vimal bei seiner Arbeit mit der Sweeper-Community, aber dennoch würde ich nicht sagen, dass ich ein Arbeiter bin. Ich habe keinen Vertrag, lasse mir nichts sagen und bin stattdessen hier, um die Menschen kennenzulernen. Ich werde eingeladen und nehme am normalen Leben Teil. Ich besuche seit einem halben Jahr hauptsächlich zwei Orte. In einer Community in den Bergen lebe ich mit einer Familie zusammen. Ich bin „Bhaiya“, der große Bruder. In der anderen Community in West Bengal wohne ich selbstständig, ich bin „Sir“, der Lehrer, der freiwillig Englisch unterrichtet.

Ich sehe keine alten Bauwerke, Museen oder Denkmäler, sondern das normale Leben. Ich sehe wie Menschen miteinander umgehen, bekomme dieselben Preise für Rickshawfahrten, Essen und Kleidung. Und ein bisschen mehr Freundlichkeit und Interesse, weil ich ein Fremder bin. Wenn die Leute mir tolle Dinge zeigen wollen, in dem nahegelegenen Kolkata zum Beispiel, sage ich oft „Nahin, Danyawaad.“ Ich möchte Kolkata nicht sehen. Ich fühle mich in der grünen, friedlichen Vorstadt wohler. Tempel interessieren mich nur, wenn die Leute auch selbst dort hingehen, ohne mich beeindrucken zu wollen.

Warum ich Gast sein liebe

Als meine Mutter hier war, gab es zuerst eine Woche Backpacking. Am Ende der Woche waren wir beide fertig mit der Welt und ich selbst ziemlich unbefriedigt. Wir haben so viel gesehen: Die Wüste, Delhis Altstadt, den Taj. Aber irgendwie noch nichts, wofür ich Indien mittlerweile so gern habe. Es war eine Mischung aus rausgeputztem Entertainment und lautem, stinkendem Chaos. Wo war mein Indien geblieben?

Als Gast in Indien, bekommt man regelmäßig spontane Einladungen in Häuser von fremden Menschen.

Also sind wir zu Freunden gefahren. Zuerst aufs Land, dann in die Berge. An die Orte, wo ich diese Freunde gefunden habe. Wo es zumindest nicht ganz so laut ist und man das freundliche Wesen der Menschen kennen lernt. Wo Chay und Essen mit Freude serviert wird, wo man von unbekannten Menschen beim Spaziergang zum Frühstück eingeladen/gezwungen wird und wo im Community-Center in aller Eile für die spontanen Gäste eine Veranstaltung organisiert wird. Mit Tanz und Gesangseinlagen, dass mir vor Freude die Tränen in die Augen geschossen sind. Als dann noch meine Mutter sagte „Schade. Hier wäre ich gerne noch drei Tage länge geblieben“, war ich glücklich. Glücklich darüber, dass ich ihr etwas zeigen konnte, was man als Tourist selten bekommt. Einen echten Eindruck in das normale Leben. Ein Leben, dass verrückt genug ist, dass mir in vier Monaten noch nicht langweilig geworden ist.

I am a student, an anthropologist, a human being. I love to discover new horizons and share my experiences through writing, photography or in little movies. I love camels and humans.

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