Ich bin auch nur ein Mensch

In der Rolle das Anthropologen muss ich vieles sein: Forscher, Übersetzer, Psychologe, Vertrauensperson, und meistens Schauspieler und Zuhörer. Es fallen mir auch viele Adjektive ein: belesen, interessiert, strukturiert, vorbereitet und gleichzeitig spontan und weiß Gott, Allah, Buddha oder Ram, was noch. Vor allem aber muss ich, der großartige Anthropologe, der ich sein soll, eines sein: wertneutral.
Der Relativismus, bzw. genauer, der Kulturrelativismus ist das absolute Mastertool des Anthropologen oder der Anthropologin. Aufgrund der doch sehr heiklen Geschichte unserer Disziplin ist es angebracht, Handlungen von Menschen aus der Perspektive ihrer Kultur zu betrachten, sie nicht mit einem subjektiven Wert zu betrachten, sondern einfach nur zu verstehen und einzuordnen. Das kostet Mühe und Energie.

 

Ich möchte nicht immer Anthropologe sein. Manchmal möchte ich ich sein. Manchmal möchte ich einfach Nils sein, der sorglose, vorlaute Junge aus der Pott-Familie. Und Nils ist direkt und er kann derb, gehässig und verletzend sein. Er ist gerne arrogant und herablassend in seiner Wortwahl, aber auch hilfsbereit und treu. Er setzt auf den Underdog, hilft den Schwachen und ist vor allem impulsiv und unberechenbar. Er ist kein Anthropologe von Natur aus, sondern ein Schauspieler.

Ich bezweifel, dass es echte Relativisten gibt und wenn, dann nenne ich sie hier einfach mal frech schlechte Menschen. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, ein zoon politicon (Nils ist auch Klugscheißer, wie seine Mutter ihn immer wieder erinnern wird) und hat im Idealfall eine gute Idee, was gut oder schlecht ist. Ethik und Moral machen einen guten Menschen aus, wenn er dafür sogar einsteht, umso besser. Wenn er sogar meine Meinung teilt, dann ist es am besten (so viel zur Arroganz).
Ich bin ein guter Schauspieler und kann den Anthropologen mit viel Spaß und hoffentlich auch Erfolg spielen. Aber irgendwann wird die Maske eng, sie drückt an allen Stellen, besonders an meiner überproportionierten Nase. Wenn ich dann noch Hunger habe und vielleicht übermüdet bin, dann platzt mir auch mal gerne der Kragen. Das möchte ich in einem kulturellen Raum, welcher wenig Verständnis von westdeutscher Direktheit hat und mir selbst so viel Freundlichkeit entgegen bringt, vermeiden. Doch es ist hart.

Wenn Menschen so unfair behandelt werden, dass ich es kaum nachempfinden kann (was auch bei uns oft genug der Fall ist), wenn ich nicht verstehe, warum wichtige Arbeiten ungetan bleiben, nur weil der dritte Nachbar zum irrelevanten Pläuschchen vorbei kommt, wenn ich wieder von allen und jedem verhätschelt werde, dann sitzt manchmal ein kleiner Teufel in deutscher Uniform auf meiner Schulter und erzählt mir von allem, was hier falsch läuft und wie er es besser machen könnte. Dann stirbt ein kleiner Relativist in mir und aus seiner Asche entsteht ein anderer Anthropologe. Er trägt Tropenhelm, hat vielleicht sogar ein Monokel am Auge. Er grinst verschmitzt, gewahr ob des Elends dieser heruntergekommenen Gesellschaft und fühlt sich allem erhaben.

In diesen Momenten ist es wichtig, dass ich keine Dinge sage, die ich später bereue und eventuell auch gar nicht so meine. Ich bin nicht in der Position, eine Kultur zu kritisieren, die nicht meine ist. Das gab es schon einmal und es sollte sich nicht wiederholen. Also muss ich diese Dinge manchmal aufschreiben, ich muss Freunde anrufen und all den Gram loswerden, welcher in mir brodelt. In meiner eigenen Sprache, mit all den Schimpfwörtern und Unhöflichkeiten, die sich so angestaut haben. Ich sage Dinge, die ich gar nicht so meine, nur um meinem gesammelten Unverständnis Luft zu machen. Es ist gut Freunde zu haben, die dich verstehen und mit dir darüber lachen können. Die wissen, was ich meine, wenn ich schlimme Dinge sage. Doch es muss nicht immer so sein. Manchmal ist es auch genug ein paar Selfies mit dunkelhäutigen Kindern zu schießen. Das spendet Ruhe, ich kann wieder lachen (vor allem über mich selbst) und der echte Nils sieht, dass die Welt auch hier drüben schön ist. Dann nimmt er seine Anthropologen-Maske und geht wieder an die Arbeit.

I am a student, an anthropologist, a human being. I love to discover new horizons and share my experiences through writing, photography or little movies. I love camels and humans.

One Comment on “Ich bin auch nur ein Mensch”

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *