Fotos im Slum – moralische Bedenken

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Ein Spaziergang auf der Müllkippe

Der Rauch treibt mir Tränen in die Augen, die Plastikpartikel in der Luft kratzen in meiner Lunge. Meine beiden Begleiter und ich steigen den Berg hinauf. Der Boden fühlt sich sonderbar an. Er gibt sanft nach, wie frische Erde, doch ständig verheddert man sich ein wenig. Irgendwie ist es eine seltsame Masse, dieser gepresste Müllberg. Er besteht aus verschiedensten Materialien und bildet doch eine Einheit. Ein Berg aus Gift, nicht nur für den Körper, sondern auch für die Seele. Und überall Schweine. Ich glaube ich habe noch nie so viele Schweine in freier Wildbahn gesehen. Ob das wohl artgerechte Haltung ist? Irgendwie verstehe ich nun, warum einige Religionen auf Schweinefleisch verzichten. Wenn ich durch die Schweine das esse, was die Schweine essen, dann ist der Verzicht sicherlich die bessere Wahl.

Das sind meine Gedanken, während ich einen gigantischen Müllberg besteige. Ich bin kalt, gefühllos und muss eine emotionale Mauer aufrechterhalten, um das aushalten zu können, was ich sehe. Kinder klettern überall auf dem Berg herum und sammeln Plastikflaschen in riesigen Müllsäcken, um sie später für einen Hungerlohn einzutauschen, der selbst für indische Verhältnisse so niedrig ist, dass es in keiner Weise die gesundheitlichen Risiken trägt, welchen sie sich aussetzen. Frauen in bunten Saris wandern ebenfalls umher und geben einen abstrakten Kontrast zu der braun-grauen Masse. Drei junge Männer befüllen einen riesigen Sack mit Müll. Ich frage sie „Ey Bhaya, kya main aapka tasvir kheech sakta hun?“ Kann ich ein Foto von euch schießen? „Nahin!“, ich bin verblüfft. Es passiert recht selten, dass in Indien ein Foto zurückgewiesen wird. Doch ich verstehe natürlich auch warum. Der Scham sitzt tief in der Safaikarmchari – Community. Das Selbstbewusstsein leidet unter dem Teufelskreis, in dem jene gefangen sind, die das Pech hatten zur falschen Zeit am falschen Ort geboren zu sein. Mein Begleiter sagt mir: „Don’t need to ask. If you ask, they will say no. Just make a picture.”

Tutorials für Fotografie

Hilfen und Tutorials für Reisefotografie gibt es viele. Ich habe einige Bücher gelesen, viele Videos gesehen, Ted-Talks gehört und Blogs durchforscht. Mein Lieblings-Youtuber ist Thomas Heaton. Er geht Fotografie ruhig an. Von ihm habe ich gelernt, wie ich meine Kamera für Landschaften einstelle, dass ich früh aufstehen muss, um das richtige Licht zu finden und wie eine vernünftige Komposition funktioniert. Meine Bilder sind vielleicht nicht auf dem selben Level, aber auf einem guten Weg. Doch eigentlich interessiere ich mich mehr für Menschen. Ich bin fasziniert von der Nähe der Portraits von Oded Wagenstein, dessen Bücher, Ted-Talks und Podcast-Gespräche ich gehört habe. Seine Portraits erzählen Geschichten und das macht sie besonders. Beeindruckend finde ich auch Yousuf Karshs Portrait von Winston Churchill, denn auch dieses Portrait erzählt eine Geschichte. Karsh hat Churchill kurz vor dem Foto die Zigarre aus dem Mund gerissen und es dadurch geschafft, die emotionale Mauer eines Staatsmannes zu brechen.

Mein größter fotografischer Held jedoch ist Sebastiao Salgado, dessen Projekt Genesis mein erster Zugang zum Reich der Bilder war. Ich erinnere mich noch genau, wie ich in London im Natural History Museum vor seinen Werken im Souvenir-Shop stand und mich ärgerte, dass ich keine Zeit für einen Besuch der Ausstellung hatte. Doch ich habe das Buch schließlich geschenkt bekommen und mein Interesse war geweckt. Ich konnte, einige Jahre später, sogar die Ausstellung durch Zufall in Ljubljana besuchen und war fasziniert. Mittlerweile verstand ich schon einiges von Fotografie, aber was ich dort sah, hat mir die Sprache verschlagen. Salgados Buch Exodus hat mir die Tränen in die Augen getrieben und seine Lebensgeschichte hat mir verdeutlicht, dass Fotografie mehr ist, als nur Bilder zu schießen.

Reisefotografie und hierarchie

All diese Erfahrungen haben mir beigebracht, wie ich gute Fotos schießen kann. Doch sie haben mir eines nicht verraten: Wie gehe ich mit meiner Position als Fotograf um? Fotografie kann rein ästhetisch sein. Portraits, Fashion, Landschaften. Menschen kommen zusammen zu einem Projekt und trennen sich wieder. Oder man besteigt zum richtigen Zeitpunkt einen Berg und knippst. Das ist das eine. Etwas anderes ist es, Menschen in ihrem Alltag zu fotografieren. Und dabei spielt Reisefotografie noch einmal eine besondere Rolle.

Ich mag das Wort „Reisefotografie“ eigentlich nicht. Es ist ein subtil kolonialistischer Begriff. Meist bedeutet es, dass ein weißer Mann rausgeht und exotische Menschen und Plätze fotografiert. Das, was für uns Reisefotografie ist, ist für andere Alltag. Ich habe selten ein Portrait eines Deutschen mit dem Hashtag #travelportrait gesehen. Doch das Business ist groß. Travelhashtags laufen heiß auf Instagram und irgendwie passt es ja auch. Schließlich reise ich ja. Ich würde mich jedoch freuen, wenn eines Tages mein Foto auf Instagram als Reiseportrait erscheinen würde. Vielleicht sollte der Westen auch mal exotisiert werden. Wir sind schließlich auch ganz schön komisch.

Jedoch viel weitgreifender als der reine Titel ist, dass es das Machtgefälle zwischen Fotografen und Fotografiertem symbolisiert. In den meisten nicht-westlichen Ländern ist das Recht am eigenen Bild ziemlich unbekannt und wenn es bekannt ist, dann wird es selten eingefordert. Ich kann also quasi jedes Bild von hier hochladen, ohne dass sich ernsthaft jemand beschweren kann. Die Betroffenen hätten selbst in einem funktionierenden Rechtssystem oft nicht die Mittel, um sich zu wehren. Aber will ich das? Und wie stelle ich beim Fotografieren Einverständnis her? Dafür habe ich bisher noch kein Tutorial gefunden.

In den Communities, in denen ich lebe, bin ich rigoros. Ich sehe es als eine Art Austausch. Ich werde ständig zu Selfies gezwungen. Es gibt Videos von mir, tanzend auf Hochzeiten, die mir von Fremden auf ihren Smartphones gezeigt wurden und deshalb handhabe ich es genauso. Es sind meine Freunde, die ich fotografiere und veröffentliche und die mich fotografieren und veröffentlichen. Wobei ich zumindest noch versuche, alles so darzustellen, dass sich die Leute nicht entblößt fühlen. Doch wie ist das mit unbekannten Menschen?

Fotografie im Slum

Ich lebe nun seit vier Monaten in der Safaikarmchari Community. Ich kenne viele Lebensgeschichten, kenne die Lethargie, welche das Leben bestimmt, den Selbstzweifel, den Alkoholismus, die Arbeit mit Dreck und den Teufelskreis, in welchem sich die Menschen befinden. Ich weiß, dass die Menschen klug sind, freundlich und vor allem, dass sie gastfreundlicher sind als alles, was ich bisher erlebt habe. Sie sind offen für Gespräche, laden einen ständig ein und lieben Selfies. Privatsphäre und das Recht am Bild interessiert hier so ziemlich niemanden. Außer mich. Denn ich habe endlich mein Projekt gefunden: Wir hatten ein Slum in Kolkata besucht. Ein Freund meines Freundes Vimal. Die Szenerie war beeindruckend, im fotojournalistischen Sinne. Ich habe bisher so einiges gesehen in Indien. Das bleibt nicht aus, wenn man mit der untersten Unterkaste der unteren Kaste zusammenlebt. Ich habe Familien gesehen, deren Haus aus nicht mehr als einem Schrank, einem Fernseher und einem Bett bestand, auf welchem alle sieben Familienmitglieder schliefen.

Doch das Belgachia-Slum war anders. Es zeigte die Situation von seiner unmenschlichsten Seite, in eindeutigen Bildern. Ich huste noch jetzt, zwei Wochen später, von dem brennenden Plastik, welcher sich unumgänglich in meiner Lunge ablagerte. Das Slum befindet sich direkt neben einer gigantischen Müllkippe, welche Tag und Nacht brennt. Der Geruch, die verrauchten Straßen und der Abfall sind der Alltag der Menschen hier. Und dennoch ist man als Gast willkommen, wird bestens versorgt, mit Rücksicht behandelt und wird schnell Freunde finden. Wenn man Interesse daran hat.

Fotojournalismus mit Bedenken

Ich kehrte nach meinem ersten Besuch bald wieder zurück nach Belgachia, um Fotos zu schießen. Ich wusste nun: Dies sollte mein Projekt werden. Ich möchte das Leben der Community, mit der ich mich nun so lange theoretisch beschäftigt habe, visuell festhalten. Mein Projekt sollte ein Thema haben. Die Lebensumstände der untersten Schicht Indiens. Keine Reisefotografie, sondern Fotojournalismus. Ein Thema, viele Bilder. Vielleicht eine Botschaft an die Menschen, welche die Bilder sehen. Doch wie hält man Elend vernünftig und respektvoll fest? Wie kann ich Einverständnis von Menschen bekommen, die den Inhalt der Bilder als beschämend ansehen?

Nun, zunächst gilt, dass ich nicht auf meinen Begleiter höre und einfach drauflosschieße, sondern vorher frage oder zumindest so offensichtlich fotografiere, dass die Menschen bewusst Einspruch erheben können. Wenn die Menschen nein sagen, sagen sie nein. Dann habe ich vielleicht ein Bild weniger, aber kann nachts besser schlafen und habe etwas Gutes getan. Das ist die wichtigste Regel. Das Argument, dass ich dann nur gestellte Bilder bekomme, zählt nicht. Mit ein wenig Geduld und Übung lassen sich ungestellte Bilder schießen. Das ist die wahre Kunst des Portraits. Das zweite, was ich tun kann, damit meine Fotos kein Diebstahl sind ist, mich mit den Leuten zu beschäftigen. Nicht einfach zur Kulisse zu rennen, Fotos zu knipsen und mich zu verdrücken, sondern über Nacht bleiben, mit dem Menschen Tee trinken und mich unterhalten. Das wirkt Wunder und sorgt außerdem für eine Vertrautheit, die auch die Qualität der Bilder verbessert. Ich werde sicherlich nicht alle Menschen auf meinen Fotos gut kennen, aber wenn ich mich mit der Community auseinandersetze, habe ich zumindest mein Bestes getan.

Armutstourismus vs. Fotojournalismus

Die Gefahr ist nämlich, ein Armutstourist zu werden. Oder noch schlimmer, das Ganze zu einem Business verkommen zu lassen. Bei einem Gespräch am Teestand im Belgachia-Slum wurde das ziemlich deutlich für mich. „Dieses Slum ist sehr berühmt. Viele Fremde kommen hierher, springen aus dem Auto und machen einfach ihre Fotos. Dann verkaufen sie ihre Bilder. Deshalb sind die Menschen hier so argwöhnisch gegenüber Leuten mit Kamera.” Ich fühlte mich schlecht. War ich einer von vielen, die ihre Position ausnutzen, um an gute Fotos zu kommen? Ja und nein. Meine Position verschafft mir gewiss großen Nutzen. Aber meine Motivation ist eine andere. Ich möchte nicht Bilder von Armut verkaufen. Ich möchte Geschichten präsentieren. Ich setze mich mit den Leuten zusammen und möchte etwas in Erfahrung bringen. Ich möchte sie nicht als so arm wie möglich darstellen und die Fotos an Spendenorganisationen verkaufen, welche auf purem Mitleid basieren. Ich möchte den Menschen mit Respekt begegnen. Vielleicht schaffe ich das nicht immer, aber ich glaube, dass das alles ist, was ich tun kann. Denn irgendwo ist es wichtig, diese Geschichten zu zeigen. Wir brauchen ständige Wachrüttler, die uns die Realität von Hunger, Krieg und moderner Sklaverei vor Augen führen.

Ich werde mit Sicherheit Fotos schießen, welche die Betroffenen im Nachhinein nicht so gut finden. Das passiert auch ohne Fotojournalismus, mit Freunden oder bei Bewerbungsfotos. Ich bin nicht perfekt, ich kann nur mein Bestes geben. Doch so lange ich selbst nach vielem Abwägen entscheide, dass ich meine Position nicht hemmungslos ausgenutzt habe, kann ich sagen, dass ich moralisch gut gehandelt habe. Jede Situation ist anders und es gibt keine Tutorials für Moral und Ethik. Ich will den Menschen mit Respekt begegnen. Ich zeige ihnen meine Fotos, kontrolliere, ob sie zufrieden sind und versuche ein Gefühl dafür zu bekommen, was gut ist und was nicht. Das ist schwierig, denn oft weicht die Vorstellung von Ästhetik stark von meiner ab. Ich bin glücklich, wenn ich Kommentare höre wie „Wow. Hero pic.“  oder wenn Menschen meine Fotos sehen und selbst portraitiert werden wollen. Dann weiß ich, dass sie einwilligen, dass sie mir vertrauen. Und so lange das mein größtes Ziel ist, weiß ich auch, dass ich richtig handel.

und dAs Ende vom Lied

Die folgende Galerie ist ein Ausschnitt meiner zwei Tage im Belgachia – Slum. Ich würde mich sehr über einen Kommentar und eure Gedanken zu dem Thema freuen.

 

I am a student, an anthropologist, a human being. I love to discover new horizons and share my experiences through writing, photography or in little movies. I love camels and humans.

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