Essen in Indien – Wenn du krank wirst, wirst du krank

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Weniger ist mehr

Ich sitze auf einer Holzplatte, gleichzeitig Tisch und Stuhl, der Koch, der sich gestern noch auf der Straße geprügelt hat, grinst mich jetzt mit seinen verbliebenen Zähnen freundlich an. „Theek hai khaana?“ Ist das Essen gut? „Hamesha accha hai. Aap burrha khaana paka nahin sakte.“ Immer, ihr könnt gar kein schlechtes Essen machen. Und das meine ich auch so. Der Mann dreht sich um und werkelt wieder an seinem kleinen, kohlebetriebenen Lehmherd herum. Das einzig elektrische hier ist der Ventilator, der die Kohle anbläst. Mein Restaurant besteht aus ein paar Holzstöcken, die eine Plane so gerade eben noch halten, einem kleinen Verschlag, wo die Zutaten und gekochten Speisen stehen, dem Lehmherd und dem Tischchen auf dem ich sitze. Die Frau des Kochs schmeißt mir eine halbe rohe Zwiebel auf den Teller. Ich beiße genüsslich hinein und esse weiter.

Meine Gastgeber in dem Pavillion, ein liebenswertes Ehepaar

Das alles summiert sich zu meinem täglichen Esserlebnis. Oft weiß ich nicht wo ich hingehen soll. Zum Frühstück lieber zu dem Teestand auf der Straße oder zu dem zusammengeschusterten Pavillon? Am Teestand gibt es immer so viel zu reden, aber am Pavillon sind die Menschen immer so glücklich, mich zu sehen. Und gehe ich zum Mittagessen lieber in den Garagenladen von dem freundlichen Herrn, der Bananenblüten in sein Essen mischt oder gegenüber, wo es das beste Daal gibt? Meistens gewinnt der Mann mit dem netten Lächeln.

Wo kann man denn in Indien essen?

Überall. Und ich empfehle es jedem, auch mal die kleinen, heruntergekommenen Restaurants auszuprobieren, sobald man sich ein wenig abgehärtet hat. Denn hier finde ich immer die wahren Schätze. Und nur weil die Fassade schäbig ist, das Dach aus Wellblech besteht oder die Stühle aus Plastik sind, muss das Essen nicht unhygienischer sein. Schließlich wird es ja gekocht. Und jeder normale Inder isst dort auch.

Von außen nicht gerade ein fünf-Sterne Restaurant, aber…

Von außen sieht der Laden für mein Mittagessen nicht gerade einladend aus. Ein altes Wellblech bedeckt den Bereich vor dem Haus, der das ambiente einer alten Werkstatt hat. Wäre da nicht der freundliche Mann, der mich mit einem Lachen begrüßt. Wir kennen uns, ich brauch nicht bestellen, er weiß, was ich essen möchte. Ich setze mich auf die Holzbank, warte und beobachte das Leben auf der Straße. Motorräder knattern vorbei, riesige, blaue Busse hupen wild und die Menschen rufen sich im allgemeinen Mittagspausenchaos etwas zu und lachen. Hinter mir sitzen zwei Arbeiter am Tisch und diskutieren etwas. Obwohl sie sich direkt gegenübersitzen, schreien sie beinahe. Einer von Ihnen nimmt einen Schluck direkt aus der Wasserkanne. Inder können aus sämtlichen Gefäßen trinken, ohne sie dabei mit den Lippen zu berühren. Ich kann mich nicht einmal erinnern, jemanden gesehen zu haben, der den Flaschenhals beim Trinken direkt an den Mund führt.

… innen drin wesentlich herzlicheres Personal

Ich schaue mich um. An den Wänden ist die verbliebene Farbe abgerieben von den vielen Leuten, die sich über die Jahre in diesen engen Raum gequetscht haben. Ich frage mich bis heute, ob es den Leuten einfach egal ist, dass es nicht schön aussieht oder ob das Geld für den neuen Anstrich nicht da ist. Vielleicht sähe es aber auch nach ein paar Wochen wieder so aus und es lohnt sich einfach nicht. Ich wasche mir die Hände an einem kleinen Gartenschlauch, der aus der Wand ragt und direkt in den Abwasserkanal führt, der parallel zu jeder Straße läuft. Dann bekomme ich mein Essen. Es sieht köstlich aus. Ich bedanke mich und frage mich, ob meine Verwandtschaft hier jemals essen würde.

Vermutlich nicht. Nicht einmal, wenn sie kurz vor dem verhungern stehen. Dafür ist es einfach zu schäbig. Ich kann das verstehen, aber hinterfrage es trotzdem. Erwarten wir ernsthaft, dass das Essen genauso abgeranzt ist, wie die Umgebung? Ist es aber nicht. Mit Sicherheit ist der Standard des Essens besser als in jedem Fastfood-Restaurant. Also woher die Furcht? Wenn wir ausgehen, wollen wir gut essen. Ich fühle mich gut. Das Essen ist gesund, nicht zu fettig gekocht (was wirklich selten ist) und schmeckt. Ich esse es halt nur in einer heruntergekommenen Bude. Doch das dürfte ja eigentlich auch nicht stören. Schließlich können wir auf Gartenpartys ja auch unser essen in Garagen oder alten Gartenhütten zu uns nehmen. Vielleicht geht es also um Status. Nicht direkt, sondern subtil. Ich habe ja das Geld „gut“ zu Essen, warum sollte ich mich dann mit einer solchen Bruchbude abgeben? Ich mache es für das Essen und weil es für mich ein Erlebnis ist. Jeden Tag, geschmacklich und vom Ambiente. Doch auch für mich war das zunächst Gewöhnung. Und ich bin froh, dass ich mich dran gewöhnt habe.

Denn das Schöne an den kleinen Läden ist, dass die Besitzer besonders gesprächig und freundlich sind, besonders wenn mal jemand Fremdes vorbei kommt. Außerdem Essen hier halt Inder, wie sie essen. Mit den Händen. Ich habe seit langer Zeit schon kein Besteck mehr benutzt und es ist ein wahrer Genuss. Wofür hat man denn sonst ein Waschbecken, bzw. die Wasserbehälter, an denen man sich bedienen kann? Oder halt einen Gartenschlauch, der aus der Mauer ragt? In den kleinen Läden ist halt alles etwas zwangloser. Wie bei der heimischen Pommesbude um die Ecke.

Wird man da nicht krank?

Auch in Indien wird Essen in der Regel gekocht. Probleme mit dem Essen liegen daher meist nicht an der Hygiene, sondern daran, dass wir die Speisen nicht gewohnt sind.

In Touristenorten gibt es viele Restaurants, mit etwas angepasster Speisekarte. Aber auch hier werden die Touris dauernd krank. Das liegt halt an generellen Unterschieden des Essens. Egal, ob man in fancigen Hotels isst, oder am Staßenstand. Alles ist ölig und scharf oder halt nicht Indien. Mit sensiblem Magen bleibt da nur: Augen zu und durch. Das ist das kulturelle Erlebnis jedoch auf jeden Fall wert. Der Magen lernt ja auch daraus und danach fällt es einem leichter alles zu Essen. Sofern man länger als eine Woche bleibt zumindest. Nur die Schärfe sollte man schon vertragen können. Aber auch das ist nur Übungssache. Vor allem: Wenn man einmal krank war, sollte man nicht aufgeben, für viele ist genau das der Abhärtungsprozess und danach gibt es weniger bis keine Probleme. Wer nur heimische Gerichte oder Toast ist, hat Indien nicht verstanden: Essen ist hier alles. Wirklich alles. Ich könnte mir nichts Schlimmeres vorstellen, als zu Gast bei jemandem zu sein und immer das Essen ablehnen zu müssen. Denn für den Gast zu kochen bedeutet den Menschen hier sehr viel.

Was kann man Essen?

Die einzige Frage, die sich mir stellt ist: Roti oder Reis. Also quasi: Welche Beilage gibt es zum Essen? In den meisten kleinen Läden gibt es sowieso nur ein bis drei verschiedene Speisen. Vielleicht denkst du jetzt: Warum sollte ich dahin gehen, wo es nur eine Speise gibt? Naja, in Indien schmeckt das Essen eigentlich immer gut und selbst ich kenne nicht alles hier bei Namen. Das liegt auch daran, dass Dinge in West-Bengal wieder einen anderen Namen haben als in Himachal und ich manchmal auch die Unterschiede zwischen den Gerichten nicht erkenne. Es erleichtert mir also auch die Entscheidung und den Stress, wenn ich nicht groß wählen muss. Aber da die Küchen meistens offen sind, kann man auch einfach mal in den Kochtopf luken. „Sabzi hai?“ Habt ihr Gemüse? „Han ji, sir, beto.“ Ja, setz dich. So einfach kann es gehen. Et kütt wie et kütt. Ich weiß ja sowieso nicht, wie das Essen schmecken wird. Und in Indien ist eh alles relativ ähnlich: Zusammengemischtes, lang-gekochtes Gemüse mit viel Würze. Keine große Auswahl, kein Stress.

Vegetarier werden das ohnehin kennen. Oft werde ich auch in Deutschland von meiner Oma gefragt: „Was kannst du denn dann überhaupt Essen, wenn wir ins Restaurant gehen?“ Eine oder zwei Speisen sind für mich sicher dabei. Aber das ist hervorragend. Dann muss ich nicht lange blättern und überlegen. Außerdem bereue ich dann später nicht meine Entscheidung, weil ich so viel anderes hätte nehmen können. Auswahl kann auch anstrengend sein. In den kleinen Läden in Indien gibt es die Auswahl zwischen „veg“ (vegetarisch) und „non-veg“ (mit Fleisch). Also in meinem Fall keine. Also mein Tipp: Einfach mal machen und gucken, was passiert. Wie immer. Schmecken wird es sicherlich.

Ach ja: Mein Essen kostet pro Mahlzeit 20-30 Cent.

 

5 Comments on “Essen in Indien – Wenn du krank wirst, wirst du krank”

  1. Ich glaub ja, dass das mit der westlichen Neigung, Restaurants auch nach Aussehen zu bewerten, daher kommt, dass einfach alles zuhause ziemlich sauber ist und Wert auf Äußerlichkeiten gelegt wird, wohingegen in ärmeren Ländern einfach der Standard nicht so hoch ist. Daher finde ich es auch verständlich, wenn einem dann die Alarmglocken schrillen, wenn das Restaurant im Ausland so aussieht wie die öffentliche Toilette auf dem Bremer Platz… Zum Glück belehrt die Erfahrung was den Geschmack angeht eines besseren!

    1. Also, die indischen Küchen, die ich kenne, sehen besser aus als die (zumindest WG ;)) Küchen daheim. Aber daran kann man es ja auch nicht messen. In gewisser Weise hast du auf jeden Fall recht. Aber ob unsere grillparties optisch hygienischer sind? Und das ist ja auch kein Problem.. .

  2. Wunderbarer Blog! Sehr spannend deine Erfahrungen aus Indien. Gerne möchte ich auch noch einmal dorthin und die Kultur, das Essen, die Leute, vielen Farben und unvergesslichen Eindrücke erleben. Genieße die Zeit und ich bin gespannt auf deine weiteren Erlebnisse und Fotos. Liebe Grüße.

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