Können wir Freunde sein?

Ständig wird irgendwo behauptet, dass es Dinge gibt, die universell sind. Emotionen, Gefühle, Freundschaft oder Liebe. Aber ist das wirklich so? In der Uni habe ich gelernt, dass es Dinge gibt, die es überall gibt, die aber anders praktiziert werden. Aber wenn etwas abstraktes wie Liebe sowohl einen anderen Namen bekommt (oder wie hier sogar drei verschiedene Wörter benutzt werden: Muhabit, Piar, Ishq) und gleichzeitig anders praktiziert werden, ist es dann überhaupt vergleichbar? Ist nicht allein die Übersetzung des Wortes schon ein großer Fehler, da es sich ja nicht um die gleiche Emotion handelt, sondern eine neue, anders praktizierte? Ich weiß, das klingt verwirrend, aber ich mache es an einem Beispiel fest.

Freundschaft ist eines dieser vermeintlich universellen Dinge. Sie ist eins der großen Themen in unserer Welt, sie bewegt die Menschen, ist Ziel und Motor unserer Handlung und wir glauben genau zu wissen, was Freundschaft ist. Bücher und Filme nehmen das Thema auf, wir sehen Geschichten von Freundschaft überall auf der Welt, zwischen den verschiedensten Menschen, zwischen Tieren, sogar zwischen Mensch und Tier und wir fühlen mit. Gebrochenes Vertrauen, Enttäuschung und Verrat lassen uns erzürnen und wir freuen uns, wenn nun doch am Ende die Protagonisten wieder zueinander finden.  Doch auch im echten Leben gibt es Höhen und Tiefen der Freundschaft. Manchmal sind sie einfach den Umständen geschuldet. Arbeit, Schule und das Leben selbst können Freundschaften auf die Probe stellen. Doch eine gute Freundschaft hält das aus. Solange die Vorstellungen von Freundschaft nicht voneinander abweichen.

Ich gehe wieder in die Fremde, um dies zu veranschaulichen. Genauer gesagt auf ein Dorf, tief im indischen Punjab. Das Wetter ist diesig, der winterliche Nebel vermischt sich mit dem Rauch der Felder, auf denen die Bauern die Überreste der Ernte verbrennen, obwohl dies streng verboten ist. Aber wir sind in Indien und selbst da wo Kläger sind, sind oft keine Richter. Das Dorf ist so indisch-rustikal, wie man es sich nur vorstellen kann. Frauen sammeln mit den Händen Kuhfladen, um sie zu trocknen und damit Feuer zu entfachen, Männer treiben lieblos ein paar Kühe durch die teils getrampelt, teils gepflasterten Wege zwischen den Lehm- und Backsteinhütten. Es ist ruhig, endlich einmal, nur hin und wieder dröhnen Tiergeräuschen durch die Gassen.

Ich treffe meinen Gastgeber. Er ist der Freund eines Freundes, welcher auch dabei ist. Wir gehen zu ihm nach Hause und trinken das obligatorische Glas Wasser zur Begrüßung. Ich habe mittlerweile festgestellt, dass die Inder es so schnell wie möglich trinken, weiß aber immer noch nicht warum. Vielleicht gibt es keinen Grund. Vielleicht trinken Inder einfach schneller. Kurze Zeit später gibt es den obligatorischen Tee für Gäste, welche länger als fünf Minuten bleiben. Es wird viel geredet, auf Hindi, English, Henglish, mit Händen und Füßen und wir machen uns schließlich auf zu einer Hochzeit im Dorf. Obwohl ich den Bräutigam nicht kenne und auch er nur der Freund meines Freundes ist, bin ich der Star der Hochzeit. Die Kamere liebt mich. Ich werde anschließend mit hervorragend frischem Essen vollgestopft, bis auch endlich mein „Bas, bas!“ (“Genug, genug!“) nach dem dritten Nachschlag endlich ernst genommen wird. Wir gehen durch das Dorf, ständig ist der Gastgeber bei mir, will mir alles erklären. Vieles weiß ich schon und eigentlich würde ich gerne einmal die Ruhe auf dem Land genießen. Außerdem habe ich keine Lust auf das dreißigste Selfie mit Leuten, die mir kurz vorgestellt werden und von denen ich nun auf den sozialen Medien als ihr neuer Freund vorgestellt werde.

Aber weil ich ja trotz allem noch immer kein schlechter Mensch sein will, verstecke ich mich hinter der lächelnden Maske des dankbaren Gastes, auch wenn mir die zunehmende Verhätschelung mittlerweile ein wenig auf den Sack geht. Sie gipfelt am nächsten Morgen. Ich werde wieder keine Minute alleine gelassen. Sogar vor meinem Toilettengang wird das (nicht dreckige) Toilettenhäuschen mit Wasser durchgespült und der Gastgeber wartet vor der (nicht schalldichten) Tür, um mir nach getaner Arbeit als menschlicher Wasserhahn zu dienen. Mit einem kleinen Becher gießt er mir kaltes, frisches Wasser über die Hände, mit welchen ich gerade meinen Hintern gereinigt habe und lächelt mir dabei freundlich ins Gesicht. Danach geht es auf zum Morgenspaziergang. Nils, der dankbare Gast lächelt immernoch, er ist trainiert in diesen Situationen, hat lange im Ausland gelebt und ist grundsätzlich entspannt.

Es ist wieder diesig, der Nebel reizt die Augen ein wenig, was darauf hinweist, dass die Felder immernoch brennen. Mein Gastgeber ist Yoga-Lehrer und besteht darauf, mir ein paar Übungen zu zeigen. Ich bin keiner dieser Yoga-Ayurveda Touristen, aber mal ganz unkommerziell etwas lernen kann ja nicht schaden. Wir laufen durch den Nebel. Es ist ruhig, ich bin ein wenig besorgt, da ich nicht weiß wo ich bin. Meinen Freund haben wir in der Hütte schlafen gelassen. Mein Schicksal liegt also mal wieder in den Händen eines Fremden. Hin und wieder sehen wir Gestalten. Ein paar der Schemen bleiben stehen und hören meinem Gastgeber zu, wenn er mich vorstellt, ein paar laufen einfach weiter und sind nicht interessiert. Alles Freunde und Yogaschüler, wird mir erklärt. Dann machen wir Yoga, das ist ein anderes Thema. Nur ganz kurz: Atmen kann ich sehr gut, verrenken nicht.

Es war angenehmer als gedacht, ich fühle mich erfrischt auf dem Rückweg. Auch die Konversation ist nicht mehr so nervig. Wir reden über dies und jenes, die wichtige Girlfriend-Frage wird geklärt (Do you have wife? - No. Do you have girlfriend? - No.) Es bildet sich so langsam so etwas wie Verständnis zwischen uns, als es plötzlich passiert. Aus dem grauen Nichts kommt die Frage: „I really like you much, Nils, very much. I hope we can be very good friends?“ Die Worte verschwimmen im Nebel, ihre Bedeutung ist nur schemenhaft erkennbar. Und dann ist da noch dieses Brennen in den Augen. Wie sehr magst du mich, hast du gesagt? Ich erinnere mich an das Gespräch auf dem Hinweg, wir haben über europäische Frauen geredet, dort schien eindeutig das Interesse meines Gesprächpartners zu liegen. Aber wenn Sexualität aufgrund von Kultur nicht in Hetero-Begegnungen stattfinden kann, wird sie ja gelegentlich auch mit gleichgeschlechtlichen Partnern substituiert.

Ich entscheide mich jedoch, dass die Situation für mich erst einmal weniger heikel ist. Inder sind in ihrer Freundschaft sehr ausdrucksstark, Freunde erzählen einem schon nach wenigen Stunden Trennung, wie sehr sie einen vermissen. In der Öffentlichkeit halten Freunde manchmal Händchen und ich werde oft nervös, wenn ich zu lange eine Hand auf meinem Oberschenkel liegen habe. Daran bin ich gewohnt und somit entscheide ich mich zunächst einmal, dass nicht auf Distanz gehen muss, um zu signalisieren, dass ich kein Interesse habe. Aber muss ich wirklich nicht auf Distanz gehen? Ist so eine Freundschaftserklärung nicht fast gleichzusetzen mit einer Liebeserklärung? Was für Verpflichtungen gehen hier denn eigentlich mit einer Freundschaft einher, wenn ihr schon so intensiv ausgedrückte Emotionen vorausgehen? Kann ich, jetzt wo ich die Gastfreundlichkeit so schamlos ausgenutzt habe, überhaupt eine andere Wahl treffen, als der Freundschaft zuzustimmen? Kann ich die Situation einfach aussitzen? Dies ist eine meiner Lieblingstechniken, wenn ich mit unbekannten Konzepten konfrontiert werde, erst einmal abwarten, solange ich nichts verstehe. Ganz nach deutschem Modell. Und auch mein Freundschaftsmodell ist Deutsch.

Wir Deutschen schließen Freundschaft ganz nebenbei. Wir werden Freunde nicht durch einen Handschlag oder Facebook, sondern durch einen natürlichen Prozess des Zusammenwachsens. Freundschaft kommt schleichend durch Verständnis, es wird vermieden zu betonen, dass man befreundet ist. Die Frage „Können wir Freunde werden?“ klingt geradezu lächerlich und absurd. Wenn zwei Menschen durch die Zuneigung ein Band geschmiedet haben, ist dies in der Regel eine gemeinsame Erfahrung, die sich im Handeln der Partner zueinander ausdrückt. Werden Worte hierfür benötigt, stimmt etwas nicht, da eine Freundschaft genau aus dem gegenseitigen Verstehen und Vertrauen seine Kraft zieht. Besonders wenn eine der beteiligten Personen nachfragen muss „Können wir Freunde sein?“, entsteht eine Art Hierarchie. Die fragende Person gibt den Anschein, als bettele sie um Freundschaft, als sei es ein Geschenk der gefragten Person, welche mit Gnade herabgereicht wird. Ich verstehe dich nicht, aber ich finde dich so unglaublich, dass ich dein Freund sein muss. Das ist vielleicht noch verständlich bei Kindern, die soziale Regeln erst lernen müssen. Bei Erwachsenen in meinem Kulturkreis jedoch nicht mehr. Ich habe gerade mit dem Gedanken gespielt, mein Gegenüber zu mögen, doch jetzt lastet dieser hierarchische Druck auf mir. Das ist Gift für eine Freundschaft auf Augenhöhe, wie ich sie verstehe. Ist also das indische „Dosti“ wirklich gleichzusetzen mit „Freundschaft“? Viele meiner Freunde hier haben ein ähnliches Konzept von Freundschaft wie ich, warum ist es hier auf dem Land so speziell? Geht es hier vielleicht auch nur darum, einen weißen Freund als Statussymbol zu haben? Der Kolonialismus hat selbst hier seine Spuren hinterlassen.

Hieraus entsteht also meine Unsicherheit im Umgang mit dieser simplen Frage. „Ich hoffe wir können Freunde sein?“ Eigentlich ist es ja eine legitime Frage, schließlich sind wir ja wie Kinder. Beide unsicher im Umgang mit dem Freundschaftsverständnis des Anderen. Nils, der freundliche Gast und verständnisvolle Anthropologe ist also wieder an der Reihe. Bei der nächsten Nachfrage antwortet er: „Of course we can be friends.“ Wir laufen nach Hause. Später verlasse ich das Dorf mit einem Freund mehr auf der Welt. Und mit wieviel mehr Verantwortung? Zu Hause angekommen, werfe ich einen Blick auf mein Handy. Mein neuer Freund hat sich bereits gemeldet: „Nils, post our selfie from the morning walk on Facebook.“ Er hat zusätzlich alle meine Fotos geliket und einige kommentiert. Ich entscheide mich erst einmal wieder Deutsch zu sein und abzuwarten. Draußen löst sich der Nebel langsam auf, aber das Brennen bleibt.

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