Soll ich Anthropologie Studieren? Was ich in meinem Studium mache.

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Ich habe letztens mal wieder in irgendeinem Artikel über Sozialwissenschaften die Kommentarspalte gelesen. Es ging um Anthropologie. Genauer gesagt: Anthropologie studieren. (Passiert euch das auch, dass ihr mehr Zeit in Kommentaren als in Beiträgen verschwendet?). Dort traf ich auf ungefähr diese Aussage:

„Empfehlen Sie ihrer Tochter auf keinen Fall, Anthropologie zu studieren. Das mag zwar im Studium ganz attraktiv und einfach sein, weil man viel reist. Aber später wird sie damit auf jeden Fall unglücklich sein.“

Der Autor gab sich als 23-jähriger Ingenieurswissenschafts-Student aus. Welch Expertise er doch vom Leben haben muss. Aber ich schreibe hier nicht um ihn zu dissen, sondern um zu schauen, ob da vielleicht etwas dran ist. Würde ich meiner Tochter empfehlen, Anthropologie zu studieren? Dafür geht es erst einmal darum zu verstehen, was Anthropologie ist.

Was ist Anthropologie?

Ein kleiner Disclaimer am Anfang: Ich bin kein Profi Anthropologe. Ich, als ehemaliger Politikwissenschaftler und Ökonom kämpfe mich auch durch Theorien und Wissen und vor allem durch die etwas anderen Methoden und Herausforderungen, die es in der Anthropologie zu meistern gibt.

Es ist auch immer wieder schwer für mich, zu erkären, was Anthropologie überhaupt ist. Denn irgendwie ist es alles zugleich. Soziologie, Politikwissenschaft, Ökonomik, selbst Medizin hat ihren Platz in der Anthropologie. Klingt kompliziert? Ich mache mal ein simples Beispiel. Nehmen wir an, das Leben ist ein Fußballspiel. Eine Wissenschaftlerin untersucht die Spieler, ein anderer untersucht den Ball und ein anderer das Feld. Alle Menschen versuchen etwas isoliert zu betrachten und im Detail zu verstehen. Der Anthropologe hingegen schaut, wie sich die Gegenstände und Menschen zueinander verhalten. Der Anthropologe sieht, dass jemand den Ball mit dem Fuß tritt, dass manche Menschen jubeln, wenn der Ball ins Tor geht und das manche Spielerinnen nur zu bestimmten anderen passen. Der Anthropologe oder die Anthropologin untersucht die Objekte in Relation zueinander. Er oder sie findet letztendlich durch genaue Beobachtung heraus, welche Regeln es gibt oder was für eine emotionale Bedeutung es hat, wenn der Ball zwischen diesen weißen Stäben im Netz landet. Kurzum: Der Anthropologe betrachtet die Objekte und macht Rückschlüsse auf deren Beziehungen zueinander und vor allem auf die Bedeutung für den Menschen. Ein ins Tor rollender Ball ist ja erst einmal nichts Spannendes. Es wird erst dadurch spannend, dass wir ihm eine Bedeutung geben.

Anthropologie ist nicht Reisen.

Auch wenn es gerne mal so aussieht, lasst euch nicht täuschen. Ich klettere nicht jeden Tag auf einen Berg, sitze nicht nur im Zug und sehe nicht jeden Tag einen neuen Ort (Ich entdecke jedoch in der Regel jeden Tag etwas Neues). Genaugenommen ist es genau das Gegenteil. Ich versuche mein Forschungsfeld so übersichtlich und klein zu halten wie möglich. Ja, ich bin im Ausland. Das ist aber nicht Pflicht in der Anthropologie. Ich mache es nur gerne aus zwei Gründen.

Wenn man einen schönen Ort als Forschungsfeld hat, ist das natürlich super. Dennoch klettere ich immer auf die selben Berge. Ich reise nicht. Ich wohne.

Erstens denke ich, dass es im Ausland leichter ist eine Struktur zu analysieren. Zu Hause sind alle Regeln selbstverständlich. Oftmals so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht wahrnehmen. Dass wir „Guten Appetit“ sagen und dann alle gemeinsam Essen ist ja ganz natürlich. Döööt. Nix natürlich. In Indien kocht die Familie für mich und ich, als Gast, esse zuerst. Auch nix mit „guten Appetit“ oder sonstigen Eröffnungsworten. Manchmal essen andere Familienmitglieder mit mir zusammen, manchmal nicht. Das ist eine Beobachtung, die ich hier mache und die mich zum Nachdenken bringt. Warum ist das so? Erst einmal ist es nur eine Beobachtung. Aber vielleicht gibt sie ja Aufschluss auf eine Struktur, die dem zugrunde liegt.

Zweitens ist es einfach aufregender in der Fremde und man lernt viel über sich selbst. Natürlich frage ich mich nämlich nicht nur, warum die Inder das mit dem Essen ganz anders handhaben, sondern ich frage mich auch, warum wir es denn anders machen. Und das wiederum gibt Aufschluss über unsere Gesellschaft, über mein Leben. Und das ist verdammt interessant. Im übrigen bin ich gerade nur in meiner Feldforschung, vorher musste ich, wie jeder Student, Texte lesen, in Seminaren sitzen, Präsentationen halten und Paper schreiben.

Also lieber Ingenieur-Wissenschaftler, da lagen Sie wohl falsch.

Anthropologie ist nicht leicht.

Anthropologie ist durchwachsen. Wie das Leben selbst: Mal geht man auf Beerdingungen, mal macht man Party.

Ja, man kann sich leicht durchschummeln. Ich kenne aber auch faule oder (meines Erachtens) dumme Jura-Studierende. Irgendwie kommt man überall durch. Aber wenn man es richtig macht, dann kann es ganz schön Mühe kosten. Feldforschung ist Hirn- und Knochenarbeit. Das hat einen ganz bestimmten Grund: Während das Werkzeug der Chemikerinnen das Labor ist, die Literaturwissenschaftler mit Büchern arbeiten, die Ökonomen (traurigerweise fast ausschließlich) Statistik benutzen und die Juristen ihre Methodik und das Gesetzbuch benötigen, ist das Werkzeug des Anthropologen der eigene Körper und Geist. Und wir haben auch kein Labor. Unser Forschungsfeld ist nicht isoliert und verändert sich ständig.

Ich muss mich daher selbst mit wichtigen Eigenschaften ausstatten. Da ist zum einen die Sprache. Schon mal mit 28 Jahren Hindi gelernt? Nein? Ist ja auch verdammt schwer. Schon mal versucht als weißer Mann in Indien nicht als besonderer Gast behandelt zu werden? Nein? Ist ja auch unmöglich. Meine Anwesenheit hier bedeutet, dass ich selbst das Forschungsfeld verändere. Das muss ich in meiner Forschung beachten und von daher muss ich auch viel Theorie lernen. Ich muss meinen Einfluss herausfiltern und mich selbst immer wieder hinterfragen. Das ist Hirnarbeit vom feinsten.

Wäre das nicht schon genug, dann muss ich auch noch ein gutes Netzwerk aufbauen. In fast jedem Methodenbuch liest man, dass Anthropologie bedeutet, mit Leuten abzuhängen. Ja, die schreiben tatsächlich „hanging out“ in den Büchern. Weil es stimmt. Ich hänge viel ab. Während meines Filmprojekts „Rebecca und Norbert“ habe ich sogar beim Forschen unglaublich viel Bier getrunken. Es gibt Anthropologen und Anthropologinnen, die haben am Rande der Legalität mit Rocker-Gangs zusammengearbeitet, boxen gelernt oder starke Drogen zu sich genommen, um ihr Forschungsfeld zu verstehen und Beziehungen aufzubauen. Jedoch bedeutet Anthropologie nicht, dass man nur gammelt oder Spaß hat.

Auch in der Anthropologie gilt: Um etwas zu verstehen, muss man seine Hausaufgaben gemacht haben.

Denn am Ende des Tages gilt es, all das festzuhalten, was man beobachtet hat. Viel Literatur zu lesen und die Interpretationen anderer Anthropologen zu verstehen ist genauso wichtig, wie eine fundierte theoretische Basis. Viele Leute nehmen es auf die leichte Schulter, aber wenn man wirklich vernünftig Forschen will, ist gute Kenntnis der Literatur unausweichlich. Hier hapert es übrigens auch noch gelegentlich bei mir.

Ich erkenne an, dass ich wahrscheinlich für Maschinenbau nicht genug Lernwillen habe. Aber das heißt nicht, dass ich wenig lerne. Ich lerne nur anders, ich lerne im Alltag. Also, wieder eine falsche Annahme.

Und was kann man damit machen?

Das ist die Frage, bei der wir Anthropologie-Studierende immer tief durchatmen müssen. Man kann fast alles machen, was jeder andere Master/ Bachelor of Arts auch machen kann. Ich wünschte, die Leute würden fragen: „Was kann man damit werden?“

Was kann man damit werden?

Dann würde ich antworten: Verdammt klug, tolerant, universell einsetzbar und vor allem glücklich. Das klingt vielleicht arrogant, aber ich glaube, dass man verdammt schlau wird. Vielleicht schlauer als in vielen anderen Fächern. Denn als Anthropologe kann man immer der Spielverderber sein. Wenn der Mediziner darüber redet, wie man eine Person gesund bekommt, fragt der Anthropologe einfach mal, was denn überhaupt gesund bedeutet? Die Frage wird nämlich in verschiedenen Kulturen ganz anders beantwortet. Oder wenn der Politikwissenschaftler ein Entwicklungsprojekt zur Verbesserung der Lebensumstände irgendwo auf der Welt implementieren will. Da gibt zum Beispiel die Geschichte von dem gebohrten Brunnen auf dem Dorf, damit die Frauen nicht immer so weit laufen müssen, um Wasser zu transportieren. Als der Brunnen jedoch nicht benutzt wurde, haben Anthropologen herausgefunden, dass die Frauen gerne weit laufen, da sie dann aus dem Haus kommen und quatschen können. Verbesserung ist also nicht immer Verbesserung. Besonders wenn die Betroffenen nicht selbst darüber entscheiden können.

Dann noch mein Lieblingsbeispiel: Warum gibt es Finanzanalysten, wenn Affen, welche mit verbundenen Augen Dartpfeile auf Zeitungen werfen, bessere Investment Entscheidungen treffen.  (Ja, bitte klick auf den Link, er ist vom Economist und ich liebe die Person, welche so einen tollen Versuchsaufbau gestaltet hat). Ökonomen wissen es nicht, Anthropologen schon. Der Finanzanalyst bietet Hoffnung und bringt die Leute dazu, dass sie überhaupt investieren. Während wir die Zukunft nicht vorhersehen können, gaukeln uns diese Scharlatane vor, dies zu können. Damit halten sie sogar unser ganzes System zusammen. Denn ohne diese Spielerei, würden wir ja aus Ungewissheit gar nicht investieren und unser System bräche zusammen.

Ich habe einen Vortrag von jemandem gehört, der mehrere Jahre mit Finanzanalysten zusammengearbeitet hat, um diese Erkenntnisse zu erlangen. Das schöne daran ist, dass es zeigt, dass auch unsere Welt nicht frei von Hokuspokus ist, dass gewisse Personen Funktionen haben, die wir nicht wahrnehmen, dass Strukturen bestehen, die wir nicht sehen. Das ist verdammt spannend. Und wenn man keine Lust auf Ökonomik hat, dann gibt es auch politische Anthropologie, medizinische Anthropologie, religiöse Anthropologie und vieles mehr.

Mein Schlusswort.

Eine Zeit lang mit Menschen der untersten Kaste in Indien zusammen zu leben ist eine unersetzbare Erfahrung. Anthropologie zu studieren bedeutet nicht nur, neues Wissen zu erlangen. Es sind die neuen Fähigkeiten, die das Studium so besonders machen.

Meine Jobchancen sind offen. Ich selbst halte meine Ausbildung für umfangreicher als viele andere. Überall hört man vom „thinking out of the box” als nachgefragten Softskill. Wenn man das irgendwo lernt, dann in der Anthropologie. Ich habe unglaublich viel über die Regeln meiner eigenen Gesellschaft gelernt und gesehen, wie austauschbar und beliebig sie sind. Ich weiß, dass alles nur eine Möglichkeit ist, Sinn in unsere Welt zu bringen. Eine Möglichkeit von vielen. Das erlaubt mir zu erkennen, wo ein Regelbruch vielleicht einen Mehrwert bietet (nicht, dass ich mit Regelbrüchen jemals ein Problem gehabt hätte) und vor allem auch andere Regeln nicht als schlechter anzusehen, sondern eben nur als anders. Vielleicht schlechter aus meiner Sicht, aber nicht objektiv schlechter.

Zurück zu dem jungen Ingenieurwissenschaftler und seiner Empfehlung: Ich hätte Antworten können, dass das, was er als erstrebenswert ansieht, nicht unbedingt das ist, was andere anstreben. Dass Geld auch ein ersetzbarer Wert ist und selbst Glück nicht für alle Menschen das Lebensziel ist. Ich habe es aber nicht getan. Um das zu verstehen, müsste er schließlich ein bisschen mehr Anthropologe sein.

I am a student, an anthropologist, a human being. I love to discover new horizons and share my experiences through writing, photography or little movies. I love camels and humans.

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